Tourtagebuch Reloaded – 30.10.2008 Münster, Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte

Eigentlich sollte ich heute im Prinzipalsaal lesen. Große Sache, Lesereihe “Word Club”, Hunderte von Menschen, Münsters etablierteste Autorenveranstaltung. Aber: Ich kann nicht. Der Grund dafür ist wundervoll. Das Land NRW verleiht mir dieses Jahr den “Förderpreis des Landes NRW für junge Künstlerinnen und Künstler” in der Sparte Dichtung/Schriftstellerei. Der Preis ist sehr renommiert, ein hoch dotiertes, wichtiges Teil und ein Ritterschlag aus dem Universum des “Hochkulturellen” für ein Werk aus der Handelssparte “Entertainment”. Das freut uns besonders und so sitzen Sylvia (im Publikum) und ich (in der zweiten Reihe mit den anderen Preisträgern aus allen Kategorien) um 18 Uhr in diesem Museum und sehen, wie als musikalische Einleitung des Abends ein paar junge Männer in schwarzen Hemden die Treppe neben der Bühne hinabsteigen. Sie schlagen Rhythmen auf Klanghölzern, im Programm steht, das Stück heiße “Music for Pieces of Wood” und stamme aus der Feder von Steve Reich. Es klingt gut, aber die Hölzer hallen höllisch in diesem Raum und mit jedem Takt klöppelt sich eine kleine Migräne stärker in das sensible Künstlerhirn. Außerdem gucken die jungen Leute des Jugendperkussionsensembles SPLASH alle sehr ernst beim Spielen. Oder besser: Sie bemühen sich, überhaupt keinen Ausdruck zu haben, so wie Bosse und ich im MURP!-Video, aber wo es da konzeptuell Sinn hatte, möchte man den jungen Klöppelern hier gerne zurufen: “Hallo, geratet doch mal mehr in Exstase, bitte!” Nach der Musik für hölzerne Stückchen hält Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff eine Rede und teilt in ihr mächtig aus. Den Konflikt, auf den er anspielt, versteht außer den Insidern von Landes- und Kulturpolitik wahrscheinlich keiner der Anwesenden, aber alle klatschen, weil sie zumindest spüren, dass hier jemand Tacheles redet, anstatt eine nichtssagende, unverfängliche Seifenblasenrede zu halten. Der Staatssekretär ist ohnehin ein handfester Mann, er hat einen Schnauzbart und einen Kölner Akzent und als er die beiden Preisträger in der Sparte Literatur auf die Bühne ruft, liest er zunächst die Begründung der Jury für meinen Kollegen Marius Hulpe vor. Es bekommen immer zwei Personen pro Kategorie diesen Preis pro Jahr, der bis 35 Jahre vergeben wird, und früher waren das u.a. Günter Wallraff, Dieter Wellershoff, Christoph Schlingensief oder Tilman Rammstedt, was meine Schultern schon den ganzen Abend schwellen lässt. Marius Hulpe jedenfalls, der ebenso wie ich auch gelegentlich für Deutschlands bestes Literaturmagazin Am Erker schreibt, macht anspruchsvolle, virtuose Lyrik, was dazu führt, dass der Staatssekretär sich nach dem Verlesen der Jurybegründung zu ihm herumdreht und sagt: “Wissen Sie was, ich verstehe das nicht. Verstehen Sie das?” Marius lacht und schüttelt den Kopf. “Aber das verstehe ich”, sagt der Staatssekretär und liest aus der Laudatio zu Wandelgermanen vor: “Dieser Roman hat einfach Spaß gemacht!” Freilich geht der Text noch weiter und wer ihn ganz lesen will, findet ihn in voller Länge auf hartmut-und-ich.de. Die Jury lobt meine Fähigkeit, Entertainment und Geist zu fusionieren und eine “Literatur für Leser” zu machen und derweil werfe ich ständig Zwinkereien und mentale Küsse zu Sylvia, ohne die ich heute keine Literatur für Leser, sondern immer noch eine “Literatur für schizoide Alkoholiker im 27. Semester Germanistik” machen würde. Danach werden die Preise in Kategorien wie Musik, Schauspiel, Bildende Kunst oder Architektur vergeben und zum Abschluss hauen SPLASH noch mal richtig auf die Pauke und spielen sich rhythmisch in eine Exstase, die sie optisch nicht zeigen. Zwischendrin haben sie im übrigen ein reines Stück für zwei Xylophone gespielt, dessen perlender Flow zwischen asiatisch anmutender Ästhetik, virtuosem Tempo, Dschungeltrance und Soundtrack eines gedachten Kunstvideospieles wie “Rez” mich sehr in den Bann gezogen hatte. Dabei entglitten den Spielern sogar ein Mal fast die Gesichtszüge. Ein winziges Zucken des Mundwinkels deutete an, was jeder mit Ohren hören könnte: Dass sie verdammt lieben, was sie da tun und dass sie es genießen, es bereits jetzt so irrwitzig gut zu können. Irrwitzig schön war dann der Absacker im Marktcafé neben dem Münsteraner Dom, dessen Abendbeleuchtung allein einen dazu motiviert, sich doch wieder beim Christentum einzuschreiben. Sylvia und ich turteln, trinken Cocktails und halten einen Moment inne, um uns zu vergegenwärtigen, wie der Weg in den letzten paar Jahren bis zu diesem Höhepunkt des Literaturpreises NRW verlaufen ist. Wir genießen diesen Rückblick in der orange-hölzern-behaglichen Nische des Marktcafé, weil wir genau wissen: Ab morgen früh rennen wir im gleichen Tempo weiter. Wohin genau, werden wir dann ja sehen. Denn Preise planen, das kann man wirklich nicht.

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