Tourtagebuch Reloaded – 31.10.2008 Gladbeck, Stadtbibliothek

Ich war ja früher Anarchist. Theoretisch. Ich saß am Strand von Biarritz vor dem VW-Bus, mit dem meine Freunde Perri und Nils gemeinsam mit mir die sogenannte “Total Trophy” veranstalteten (wild drauflosfahren, wild campen, wild leben) und las Bücher über die Lehren Proudhons und Kropotkins. Derweil liefen
No Fun At All in Dauerrotation, der Gaskocher garte Nudeltöpfe und eine von insgesamt elf (!) Paletten Hansa Pils wurde geleert. Proudhon ist der Mann, der den Spruch “Eigentum ist Diebstahl” geprägt hat, auch wenn er damit das Eigentum von Staaten und Kartellen meinte, was eher sozialistisch ausgerichtete Anarchos bis heute pfleglich verschweigen. Kropotkin war der Mann, dessen Standardwerk “Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt” bis heute allen Libertären als Zitatenschatz dafür dient, dass ein Leben in Kooperation und mit geteilten Ressourcen funktioniert. Viele anstrengende Jahre in allen Splittersparten der linken Szene lassen mich das mittlerweile bezweifeln, aber eine Institution repräsentiert für mich bis heute einen sinnvollen Geist des Teilens: Die Stadtbibliothek! Ähnlich wie Hartmut las ich in der Stadtbücherei meiner Heimatstadt Wesel schon als kleiner Stöpsel das halbe vordere Drittel (Krimis und Magazine), ein Viertel des mittleren Drittels (Geografie, Naturwissenschaften, Geschichte) und das ganze letzte Drittel (Literatur, Philosophie) durch und genoss es unheimlich, mich dort den ganzen Tag lang aufzuhalten. Ich flezte mich mit Büchern in jene tiefen Holzlehnensessel, die in Wandelgermanen im Flur des Schlosses ihre Wiederkehr feiern und ich wälzte Atlanten und Bildbände, um tief in die Historie “nebensächlicher” Länder wie Sierra Leone oder Färoer abzutauchen. Die Kennerinnen und Kenner merken schon: Ich pflegte schon damals den Murp. Das tue ich nun auch vor der Lesung in Gladbeck. Ich flaniere durch die leergefegten Gänge und Winkel und blättere in aktuellen Werken sehr verschiedener, aber gleichsam großer Denker wie Michel Foucault, Helmut Schmidt oder Oliver Kahn, empfange eine Vielzahl lieber Gäste, mache Middle Talk (Small Talk mache ich nie und Big Talk passt auch nicht zum Kaffee vor der Lesung) und spiele dann am Stehtisch vor der Leinwand eine entspannte Mixtur aus Wandelgermanen, MURP! und Hartmut und ich, die Spaß macht und von der leichten Melancholie getränkt wird, zu wissen, dass es das vorletzte Mal ist, dass Wandelgermanen als Hauptprogramm auf dem Plakat steht. Zugleich macht es Spaß, schon in kleinen Häppchen den MURP! auszutesten. In der Pause plaudere ich lange mit einem ehemaligen Absolventen der Ruhr-Uni, heute 46 und seriöser Geschäftsmann in der Industrie. “Ich habe keine Ahnung von der aktuellen Musik oder diesen Videospielen, auf die sie in den Romanen eingehen, aber das Verhalten dieser Männer in der WG, das war bei uns damals genauso!” Solche Bemerkungen liebe ich, geben sie mir doch die Hoffnung, dass die Hui-Welt auch dann noch besteht, wenn die popkulturellen Hinweise in ihr aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt sind. Nach der Lesung stehe ich allein vor der Bibliothek in der dunklen Stille Gladbecks. Eine einsamer, grauschwarzer Kater tigert am Haus entlang und sieht mich an. Ich bücke mich und strecke meine Hand aus. Er überlegt einen Moment, ob er auf mich zugehen soll, zögert, sieht mich fragend an. In der gurrenden, glockenklingenden, rollenden Betonung, in der Katzen es tun, wenn man sie von hinten am Ohr zuppelt, sage ich zu ihm: “Muuuuuuuuuurrrrrrrrp!” Er nähert sich und streift an meiner Hand entlang.

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.