Tourtagebuch Reloaded – 01.11.2008 Dortmund, FZW

Das gute, alte FZW. In dem Gebäude habe ich früher Pogo getanzt. Hinter dem Gebäude habe ich von 2005 bis 2007 während meiner Festanstellung in der VISIONS-Redaktion auf dem Bolzplatz Betriebsfußball gespielt. Fünf gegen fünf meistens, das VISIONS-Team im Kern bestehend aus Chef Michael Lohrmann, Redakteurslegende Dirk Siepe, meinem damaligen Lieblingspraktikanten und Kumpel Steffen Eisentraut, PR-Mann Bunki als Koloss im Tor und mir. Dem Unperfekten. Dem Mann, der die Spiele “Sensible Soccer” und “FIFA 06″ auf Amiga, Playstation und Game Boy Advance perfekt beherrscht, dessen Kompetenz auf dem realen Platz sich allerdings umgekehrt proportional zu seinem Eifer verhält. Das hat auch damit zu tun, dass ich mich in meiner langen Karriere als Freizeitkicker niemals (!) auf die Verbesserung meiner Technik konzentrierte, sondern all meine geistige Kraft darauf verwendete, mir während des Spiels vorzustellen, ich stünde als Profi des SC Freiburg oder der deutschen Nationalmannschaft auf dem Platz und spielte gegen Bayern München oder die Niederlande. Das ist anstrengend. Man muss all seine realen Mitspieler ständig in der Phantasie in die gedachten Profis umsetzen. Lohrmann als Metzelder, Eisentraut als Schweinsteiger, Bunki als Lehmann, ich selbst als Thomas Broich (der nie wirklich in der Nationalelf war, aber hineingehört hätte!) und Siepe als… ja, als wer eigentlich? Mit Siepe war es schwer, denn Siepe war hart. Richtig hart. Da hätte im Prinzip nur Jürgen Kohler gepasst oder Bernd Hollerbach, jener Verteidiger des Hamburger SV mit den meisten roten Karten aller Zeiten, der sich auf seiner Autogrammkarte als Ritter in Stahlrüstung abbilden lässt. Siepe war allerdings auch der Konfliktlöser auf dem Bolzplatz, denn muckten unsere Freizeitgegner – eine toughe, deutsch-türkische Mischung aus dem Dortmunder Ghetto – allzu aggressiv auf, konnte sie immer nur Siepe beruhigen. Siepe, der Routineer, der Rock’n'Roller. Wer die Dead Kennedys noch im Löwenbräukeller gesehen hat, dem macht kein kleiner Bushido Angst. Solche Erinnerungen überfluten mich, als ich meine Merchandisekiste und meine Lesetasche zum FZW trage und dort schon um 19 Uhr 120 voll ausgerüstete Old-School-Punks vorfinde. “Wow”, denke ich, “ich hatte ja schon Punks auf meinen Shows, aber so viele? Und das, wo als Vorband für mich mal wieder meine geliebten Slowtide auftreten, mit butterweichem, seidigen Gitarrenpop? Die Lösung ist schnell gefunden: Slowtide und ich spielen unten, im kleinen Raum. Oben ist “40 Jahre FZW” mit uralten Punkbands und ebenfalls schon in die Jahre gekommenen Fans. Zu meinem Erstaunen kommt uns das Geholze von oben klanglich nicht in die Quere und so machen Kevin Werdelmann und seine Band Slowtide das Publikum 50 Minuten lang mit Songs von “Origins” warm, das nun endlich im Januar als reguläre Platte bei dem kleinen, feinen Indie-Label Marchpane Records erscheint. Seit langem schon unterstütze ich diese Band, die so perfekten, herzerwärmenden Pop mit so tollem Songwritung spielt, aber bei den großen Firmen keine Chance bekommt. Daher rufe ich alle Freunde zeitlosen Weltumarmungs-Pops dazu auf, am 16.01.2009 in den realen oder digitalen Laden des Vertrauens zu gehen und “Origins” zu erwerben. Wie toll die Lieder sind, kommt auch heute Abend rüber, auch wenn der Drummer etwas hölzern wirkt und nach dem Ausstieg eines Bandmitglieds erst noch ein Fluss gefunden werden muss. Den finde allerdings auch ich nicht sofort, nestele mich dann aber doch nach 15 Minuten in einen Flow und bringe auf unspektakuläre, aber amüsante Art das lange Kapitel Wandelgermanen im Keller des FZW zu einem Ende. Gegen Mitternacht bringe ich meine Kiste wieder zum Wagen zurück und habe meinen Freund Björn dabei, der ein paar Tage zu uns nach Haus mitkommen wird. Mit dem habe ich früher ungefähr die Musik gemacht, die heute im Erdgeschoss des FZW wütete und war ehrlich gesagt immer unglücklich damit. Ich wollte halt immer Freizeitfußballer sein, Freizeitkünstler allerdings nicht. Als ich die Autotür zumache und mit dem Radio die klagende Stimme von Chris Martin anspringt, sehe ich für einen Moment auf dem Bolzplatz zehn Schatten gegeneinander den Ball über den matschigen Boden jagen…

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