Tourtagebuch Reloaded – 07.11.2008 Wesel, Städtisches Bühnenhaus

“Wie ist das für dich, so als Prominenter nach Wesel zu kommen?”, fragt mich Moderator Jürgen Knorr vom Bürgerfunk Wesel beim Interview im alten Kellerstudio der Volkshochschule und was soll ich sagen? Es ist… überfordernd. Jedes Kabel hier unten erinnert mich an meine Schulzeit, als ich mit Jürgen als väterlichem Mentor meine allerersten journalistischen Schritte tat. Als Bürgerfunker führte ich mein erstes Rock’n'Roll-Interview mit dem damaligen Toten-Hosen-Drummer Wölli, als die Band in der Niederrheinhalle gastierte; ein legendäres, richtig gutes Konzert, dem ich nach dem Interview im Moshpit beiwohnte. Die Hosen waren auf einem Höhepunkt (“Opium fürs Volk” ist ein gelungenes Album, jawohl!) und als Vorband spielten Social Distortion, das muss man sich mal vorstellen! Mike Ness gab alles und es begannen sich Menschen im Pit ernsthaft zu prügeln; ein strunzbraver Bekannter, der heute Ingenieur bei der Bahn ist, rastete endlich mal aus und betrieb derart exzessives Crowdsurfing, wie ich es noch nie gesehen habe. Das war damals. Heute sitze ich bei Jürgen im Studio und gebe das Interview zu MURP! umringt von Kameras der WDR west.art, die mich bereits seit 9 Uhr morgens begleitet, um ein TV-Feature zu drehen. “Heimelig” soll das werden, hat die Chefredaktion des Filmteams gesagt und so filmen sie mich, wie ich daheim in Herbern ins Schreibwaren- und Postlädchen gehe, auf der Raststätte Hünxe das Öl nachsehe und eben heute Abend in meiner Heimatkleinstadt gastiere, um mich von meinem ehemaligen Bürgerfunk-Mentor interviewen zu lassen und ab 20 Uhr das Städtische Bühnenhaus zu füllen, wo als Benefiz für den Förderverein meiner alten Schule das Festival “Rock meets Uschmann” stattfindet. Alle, die da mitmachen, sind auf dem Sprung zur “Prominenz”. Wretched, die sich in den nächsten Jahren im Pop-Punk-Bereich festbeißen werden, aVID, die einen 2-Single-Deal mit EMI haben und schon Rock am Ring spielten sowie Without Wax, die unfassbar gute Songs bei unfassbar jungem Alter schreiben. Ich allerdings hing als einziger den halben Spätsommer lang fünf Meter lang gebannert als “Sohn der Stadt” in der Fußgängerzone, gleichauf mit Konrad Duden, Ida Noddack oder Dieter Nuhr. Das alles ist groß und zugleich “heimelig” und es macht Jürgen Knorr so stolz wie einen Jugendtrainer, der Michael Ballack schon als 16-jährigen entdeckt und gefördert hat. Der Gig im Bühnenhaus ist denn auch trotz recht knapper Auftrittszeiten für alle Beteiligten ein Höhepunkt, denn hey: In diesem Bühnenhaus habe ich mein halbes Leben lang als Gast gesessen. Ich habe hier Brecht-Inszenierungen gesehen oder Kabarett von Volker Pispers; ich habe immer davon geträumt, dort einmal selber zu stehen und jetzt stehe ich da vor 350 Menschen, eröffne den Abend mit “Spoken Word”, während der der Kameramann des WDR mich auf der Bühne filmt und genieße die Atmosphäre eines aufgebauten Bandsets samt Schlagzeug hinter mir, auf dem aVID viele Stunden später den Abend mit atemberaubend guten Powerpop beschließen. Wretched schrecken die Eltern und Älteren im Publikum eher ab, aber Without Wax kriegen sie mit ihrem jetzt schon zeitlosen Stil samt Cellistin und beatleskem Songwriting alle. Ich natürlich auch, meine Eltern schmeißen sich weg vor Lachen an den Stellen, wo der “MURP!” auf sie selbst anspielt und im Dunkel des Zuschauerraums verbergen sich noch viele alten Schulfreundinnen und Freunde, die später aus dem Schwarz im Licht des Foyers auftauchen und in Kurzfassung ihr Leben der letzten 12 Jahre berichten. So schön das alles ist, so anstrengend ist das auch, wenn jeder Fitzel Bürgersteig, Radiostudio-Vertäfelung und Bühnenhausteppich pro Sekunde 1000 Erinnerungen befeuert und so bin ich auch froh, als ich nach Mitternacht durch die tiefe Nacht nach Hause fahre und noch einmal kurz innehalten darf an jenem Ort, der mich als Insel im Nirgendwo grundsätzlich bestens beruhigt: Dem Rasthof. Wie das also ist, als Prominenter nach Wesel zu kommen? So, wie heute noch einmal “Monkey Island 2″ zu spielen, auf dem Amiga. Du kennst jeden Ort, du fühlst, was du früher fühltest und zugleich ist es wie eine vollkommen andere, längst vergangene Welt. Nur die 12. Diskette, die funktioniert in Wirklichkeit.

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