Tourtagebuch Reloaded – 11.11.2008 Bochum, Mayersche Buchhandlung

Die MURP!-Tournee startet, es ist soweit. Ab heute spiele ich das “Roadmovie mit Ratgeber”, ein ganz neues Programm nach über 15 Monaten Wandelgermanen, und der Start meiner Reise ist Bochum. Besser geht es nicht. Verantwortlicher Betreuer in der Mayerschen ist Stefan Dondrup und der Mann ist natur-murpig, da er gemeinsam mit Wolfgang Kienast vom Dortmunder Club Sissikingkong seit Jahren zu dem skurillen Barockfürsten Anton Ulrich forscht, publiziert und Filme macht, ohne dass dies großes Ansehen, großes Geld oder große Öffentlichkeit bringen würde. Pure Leidenschaft für ein hochexotisches Thema regiert diesen Mann und das ist genau das, was Hartmut liebt und propagiert. Doch jetzt kommt das Beste: Stefan und ich bieten den 150 (!) Gästen in Hartmuts Homebase den bislang besten, weil pefekt unperfekten Beginn einer Hui-Show, den es seit 2005 gab. Es beginnt damit, dass nach 70 Sekunden des Intros der Strom am Laptop ausfällt, weil wir vergessen haben, das Stromkabel anzuschließen. Das Publikum gröhlt. Ich sage: “Stefan, es ist doch so. Wir haben kein Stromkabel angeschlossen.”
“Wo ist es denn, Oliver?”
“Oben im Büro, in meiner gelben Tasche.”
Stefan läuft los, um es zu holen, während ich einfach mit dem Programm anfange, kommt zurückgestürmt und bietet mir mit einem so naiven und unschuldigen Blick, wie ihn nur Buchhändler und Barockfürsten haben können, das Ladekabel meines Handys als Netzkabel für den PC an. Das Publikum liegt am Boden und ich lese zufällig und ohne Absicht exakt in dem Moment den Satz: “Für diese Typen dient das doch alles nur dazu, den Akku wieder aufzuladen.” Ich betone noch mal: Nichts davon war geplant, aber es ist die beste Situationskomik, die ich je bei einem Auftritt erlebt habe.
Der Rest läuft ohne Pannen ab und ist ein eifriges Herantasten meinerseits an das neue Programm. So ein Programm ändert sich schließlich ständig während der Tourneen, ich nehme Stellen raus und füge neue hinzu, ich zeige auf der Leinwand mal dies und mal das, ich folge Nebenwegen, schweife ab und laufe plötzlich mit dem Headset durch die Buchhandlungen, um aus zufällig aufgegriffenen Büchern zu zitieren. Ich teste aus, ob das Publikum die zahlreichen Anspielungen aus dem neuen Buch versteht und wenn jemand etwas erkennt, werfe ich zur Belohnung mit Bonbons. Ich performe den MURP!, also bin ich “murpig”. Da in Bochum das Publikum alles liebt, fühle ich mich auf Händen getragen und beantworte am Ende sogar noch ein halbes Dutzend Fragen, von denen die, wann Hartmut und seine Freunde nach Bochum zurückkehren, alle anderen überragt. Die Antwort sei auch hier noch mal genannt: In Teil 5, der im Frühjahr 2010 erscheint, noch nicht. Danach ist alles offen. Gegen 23 Uhr fallen Stefan und ich im Büro der Mayerschen in die Stühle und fühlen uns wie AC/DC nach dem ersten Konzert zu “Black Ice”. Ich bin glücklich, denn zu all dem habe ich heute Abend auch noch den Key Account Manager der S.Fischer Verlage zum Fan gewonnen; also den Mann, der seit Jahren dafür verantwortlich ist, dass die Hui-Romane so eine massive Ladenpräsenz haben, der mich aber heute das erste Mal live erlebt und dabei außerordentlich Spaß gehabt hat. Das ehrt mich, denn ihn zu beeindrucken bedeutet so viel wie wenn es einem Fußballer gelingt, Franz Beckenbauer ein respektables Augenbrauenzucken abzuringen. Bevor ich um Mitternacht ins Auto steige, erzähle ich Sylvia von diesem euphorisierenden Tourneestart und klinge dabei am Unterwegstelefon wie ein kleiner Junge, der vom Zeltlager erzählt. Ein paar Besucher der Lesung, die schon was trinken waren, laufen durch lichtglitzernde Pfützen vorbei, lächeln und sagen: “Lass Hartmut nach Bochum zurückkommen!” Wir überlegen es uns. Versprochen.

MURP des Tages:

In einer nahe gelegenen Dönerbude mit angeschlossenem Restaurantteil gehe ich beim Warten auf mein Falafelmenü die Bilder an den Wänden ab, als sei ich in einer Galerie. Kitschfotos und Meeresküsten observiere ich mit taxierendem Blick wie sonst nur Kunstkenner den Lichteinfall auf die weißen Flächen Robert Rymans und werde dabei beobachtet, als wüchsen mir zwei zusätzliche Arme aus dem Nacken. Bilder, die zur Dekoration und Erbauung der Gäste aufgehängt werden, dürfen also nicht ernsthaft zur Erbauung durch vertieftes Betrachten genutzt werden, sonst gilt man als neurotisch. Dabei hat mir das schon immer Spaß gemacht – das Wenige, das angeboten wird, voll auszunutzen, so wie Jochen nur seine Trödelkassetten kauft und dabei so tut, als sei er in der Wüste und es gäbe nichts anderes als Boney M. und Jethro Tull auf MC.

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.