Tourtagebuch Reloaded – 12.11.2008 Essen, Mayersche Buchhandlung

In Essen sind bereits die ersten Buden für den Weihnachtsmarkt bereit gestellt, als Sylvia und ich uns zur Mayerschen durcharbeiten und die Kassiererin im ersten Stock nach der Kontaktperson für heute Abend fragen. Sie tut so, als erkenne sie mich nicht, um den Kunden vor mir in Ruhe zu Ende bedienen zu können. Vielleicht denkt sie, sie müsse damit sofort aufhören, gäbe sie das Erkennen des “prominenten” Gastes sofort zu, aber das ist natürlich Unsinn. Liebe Kassiererinnen: Wann immer ein zurückhaltender Mann in gelber Jacke mit vollgepackter Merchandisekiste stumm und wartend an Ihrer Kasse steht, bedienen Sie ruhig zu Ende! Selbst, wenn die Kundin nach “dem Roman mit der Fischerin fragt”, von “dieser Folkerts, oder hieß die Roberts?” und selbst wenn nach Auffinden des Romans der klassische Dialog “stehen Sie in unserem System? / Ja! / Ich finde Sie aber nicht / Dann hat mein Mann das gemacht” beginnt.
In Essen fließt um den murpigen Kern vom letzten Mal nun strukturiert und stimmungsvoll die Rahmengeschichte um die Rasthofausstellung “Kunstpause” herum, wofür ich extra meine Diashow überarbeitet habe und zur Untermalung eine Menge Bilder von Arne Beechmann, Arnulf von Claas, Felix Berg oder Donatus zeige, die ja als reale Künstler in unserer Online-Galerie Haus der Künste ausstellen und denen ich hiermit noch mal für die Erlaubnis danke, sie so reichhaltig als Romanfiguren in MURP! auftauchen zu lassen. Ich entschleunige das Programm ein wenig, zeige mehr, lese weniger, improvisiere und finde beim heutigen zufälligen Aufschlagen eines beliebigen Buches zum Zitieren per Headset ausgerechnet eine Passage über den “Urinabgang” in “Grundlagen der Urologie”. Ich liebe so was, das Publikum auch, die rund 125 Menschen amüsieren sich sehr gut, sahnen einige Anspielungserkennungsbelohnungsbonbons, gehen aber nicht ganz so thekenartig aus sich heraus wie die Bochumer. Ich gerate in einen Flow und bin künstlerisch zufriedener, weil es mir mit Sylvia im Publikum gelingt, die vielen Dutzend Fäden des MURP! und seine Rahmengeschichte im Abendrot der Rasthofparkplätze sicher zusammenzuhalten. Ordnung im Chaos sozusagen, straffere Bahnen für wild mäandernde Inhalte. Außerdem kommen mein C&A-Anzug und die rosa Socken gut an. Nach der Show unterzeichne ich gefühlte 1000 Bücher und verabrede mit Stephan Hagenkord von der Handelsvertretung Hagenkord eine viel kleinere Lesung im Schauraum seines Ladens, in den nur 50 geladene Gäste passen und wo ich dann aus der Badewanne heraus auftreten werde. Näheres dazu und zum Auswahlverfahren der nassfeuchten VIPs später hier im Blog oder im Newsletter der Hui-Homepage. Auf dem zukünftigen Weihnachtsmarkt schraubt ein zahntechnisch herausgeforderter Mann an einer Bude herum, dreht sich neben einer glitzernden Pfütze aus der Hocke zu uns und sagt: “Solange der Mensch lebt, soll er rauchen!” Wir sehen das anders und legen den Rest des Weges zum Wagen etwas schneller zurück.

MURP des Tages:

Am Vormittag unterbreche ich die Einrichtung der neuen Diashow für den Liveauftritt, setze mich auf die Couch, nehme den Kater auf den Schoß und erkläre ihm in aller Ruhe die Seinsphilosophie Heideggers. Er versteht kein Wort, aber der Klang meiner Stimme sorgt dafür, dass er 30 Minuten schnurrig sitzen bleibt. Hätte ich ihm statt dessen von der letzten Folge von TV Total erzählt, wäre er nach 30 Sekunden weg gewesen.

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