Tourtagebuch Reloaded – 13.11.2008 Dortmund, Mayersche Buchhandlung

“Eigentlich” müsste man vor jeder Veranstaltung eine genaue Beschreibung davon bekommen, wie es sich möglichst nahe der Buchhandlung parken lässt, vor allem, wenn diese mitten in der City liegt. Geht es nicht, müsste man “eigentlich” den Mumm haben, mit Warnblinklicht vor die Tür zu fahren, seine Merchandisekisten auszupacken und erst dann zu parken. Etwaige Polizisten würde man mit einem forschen “Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?” begegnen. Man würde es sich als Künstler einfach machen. Macht man aber nicht. Gemäß der murpigen Unvollkommeheit parkt man im Parkhaus am Bürgeramt und latscht durch die halbe Stadt, bepackt wie ein Yak. Während ich mich also yak-artig zur Mayerschen schleppe, passiere ich eine Bar und bekomme einen Erinnerungsflashback durch einen Geruch. “Zoooooom!” macht es und ich befinde mich im Partykeller meines verstorbenen Onkels Dieter. Rote Linoleumfliesen als Tanzfläche, fest montierte Hocker vor der Bar, bauchige Partylampen, Glitzerkugel und zwei Turntables mit Crossfader. Ich bin zwölf Jahre jung und lege auf, während “die Großen” tanzen oder in der Sitzecke Linie 1 und Ouzo trinken. Ich fade von Tracy Chapman zu Toni Childs zu Rick Astley zur Cutting Crew. “Oh, I just died in your arms tonight!” Alles ist da, die Haptik der Platten, der Geruch ihrer Hüllen, das Gemurmel und Gelächter der Männer mit ihren breiten und schmalen Schnauzern. “Ohhhh, I just died in your arms tonight!”, singe ich und stehe bereits im Eingang der Mayerschen, verzückt und in Trance, eine gelbe Postkiste in der Hand, Cutting Crew auf den Lippen. “Guten Abend, Herr Uschmann”, sagt Herr Abele, der Key Accounter von S.Fischer und ich wache aus meinem Flashback auf. Gemeinsam mit den Veranstaltern malochen wir uns durch einen murpigen Aufbau. Der Bühnenstrom will nicht, es sind Schalter zu finden und umzulegen und Steckverbindungen zu prüfen; es erinnert mich an die einfachen Schaltpläne aus dem Physikunterricht des Gymnasiums, die ich bereits nicht verstanden habe. Mein Hirn wehrte sich mit Unlust und vorauseilendem Trotz gegen jeden Zusammenhang, der sich aus Zeichnungen mit Zahlen und Variablen ergeben sollte. Als die Bühne Strom hat, schaltet der Beamer ständig von alleine zwischen Quellensuche und Laptopbild hin und her, während die Gäste schon zu 90% ihre Plätze eingenommen haben und zusehen, wie ich mit dem Techniker der Mayerschen in Aachen telefoniere. Der Techniker kann es sich nicht erklären, also schalte ich die “Dual Clone”-Funktion aus und setze den Beamer als Zweitmonitor ein, auf den die Fenster per Hand hinübergeschoben werden müssen. Dass ich solche Notlösungen kenne und mit wenigen Handgriffen ausführen kann, beeindruckt die Gäste. Es lässt mich in der Achtung sofort steigen, ebenso wie die Tatsache, dass es im MURP! dieses Mal so oft und so konkret um Steuergesetze, Buchhaltung oder einfache Beziehungsprobleme geht. Es ist wichtig, zu wissen, dass so ein Autor seinen Tilsiter immer noch bei Edeka kauft, auf Amtsschreiben mit Missmut und Unverständnis reagiert und mit dem Wagen die Betonsäulen von Tiefgaragen anbumst wie jeder andere auch. Sogar dann, wenn zu seinen Gästen auf den reservierten Plätzen in Reihe 1 sein Berater von der Bank gehört. So viel muss nach vier Romanen auch mal sein, dass man seinen Bankberater einlädt. Wie würde es die neue Werbung zum Honda Jazz sagen? “Bankberater einladen? Punk!” Meinem Bankmann zu Ehren stammen die “Zufallszitate” aus aufgegriffenen Büchern heute aus Fachbänden zur Betriebswirtschaftslehre und richtigen Personalführung und die Formulierungen alleine sorgen schon dafür, dass sich alle Berufstätigen im Raum wegschmeißen. Da ich spüre, wie gut diese “kenn ich auch!”-Effekte in Dortmund wirken, probiere ich einige neue Stellen aus MURP!, in denen es zum Beispiel um die Beziehung geht, und sehe, dass im Publikum alle ähnliche Probleme haben. Auf dem Rückweg zum Auto überkommt mich der Geruchsflash wieder. Es erwischt mich bereits im Hinterausgang, “zooooooom!”, mit einem Mal sitze ich auf der Schlafcouch meines anderen Onkels Michael und übernachte bei ihm und meiner Tante Eveline zum Zwecke eines Spielemarathons mit dem Super Nintendo. Ich rieche die Couch und das Duftpotpourrie, ich lenke Mickey Mouse durch “Magical Quest” und Link durch “The Legend Of Zelda”, ich sehe, wie sich mein Onkel nach vorn beugt, um seine Zigarette abzutippen und den Endgegner bei “Aladdin” noch mal zu versuchen; ich habe sogar das exakte Spielgefühl in den Fingern, die Gleiter von “Starfox”, die Kontemplation zur aeroplanen Gleitermusik von “Pilotwings” durch die sich drehenden Kreise zu fliegen. “Alles in Ordnung?”, fragt mich ein Mann im braunen Trenchcoat, als ich neben meiner gelben Kiste vor dem Bezahlautomaten des Parkhauses hocke, die Finger am Joypad, mit dem Oberkörper zum Schwanken der Flugzeuge hin und her wackelnd. Ich wache auf, sage “ja”, zahle meine 5 Euro und bin froh, dass ich im Auto die Gegenwart riechen kann.

MURP des Tages:

Beim Betreten des Schlafzimmers werde ich – ausgelöst durch meine eigene Phantasie – urplötzlich von CM Punk angegriffen, der eine unerwartete Allianz mit dem in die Wrestlingwelt zurückgekehrten Kamala eingegangen ist. Punk tritt mich mit einem Dropkick zu Boden (also aufs Bett) und Kamala prügelt einfach stumpf mit seinen breiten Armen auf mich ein, als ich mich aufzurichten versuche. Da ich das mit meinen eigenen Armen simuliere, sieht der Nachbar, der gerade mit dem Hund den Hügel hinabgeht, von außen durch unser Fenster nur, wie der Herr Künstler sich schreiend selber wieder und wieder in den Nacken prügelt und dabei Spaß hat. Ich sollte öfters das Rollo runter machen.

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.