Tourtagebuch Reloaded – 17.11.2008 Tübingen, Osiandersche Buchhandlung

Da ich mittags die Familie besuche, komme ich erst um 14 Uhr auf die Bahn, habe aber noch über 450 Kilometer zurückzulegen. Das ist knapp. Ich muss Knappheit und Geduld üben, ich kann nicht immer zu früh kommen wollen wie ein Prüfling; ich bin kein Prüfling, sondern der Star des Abends und der kann auch um 19:55 Uhr noch seinen Laptop anschließen, wenn es sein muss. Ich gebe Gas. Ich habe für diese Woche einen Wagen geliehen, einen Kia C’eed zu Preis der kleinsten Klasse, weil von der kleinsten Klasse nichts mehr übrig war. Ich reize ihn aus und genieße nahezu, dass ich mich beeilen muss und einen fast neuen Wagen unter den Füßen habe und nicht unser altes Schätzchen, dem kürzlich noch im Norden der Auspuff abfiel. Der C’eed gibt stabile 170 km/h, während ich seine Stereoanlage über Knöpfe im Lenkrad steuern kann und auf den Sitzen und in den Türen eine CD-Sammlung verteile, die andere in zwei Jahren ansammeln. Ich bekomme feuchte Augen und Endorphine bei dem melancholisch-melodischen Geholze von Lagwagons Live-Album und überhole jedes Mal, wenn Dave Raun in seinem Geschwindigkeitsrausch am Schlagzeug noch eine Schippe drauflegt. Als ich Tübingen erreiche ist es, als sei ich viereinhalb Stunden lang auf einer geraden Linie direkt auf einen riesigen Berg zugefahren, der jetzt noch erklommen werden muss. Wie eine Ritterburg oder ein Themenabschnitt im Phantasialand liegt die altehrwürdige Akademikerstadt auf dem Hügel und knapp unter seinem Gipfel klebt mein Hotel am Hang wie ein Bienenstock aus behaglichem Licht und Fachwerk. “Kein Problem, ich parke den Wagen”, sagt der Chef, der sich ohnehin sehr gut um seine Gäste sorgt und ich kleide mich schnell in mein Bühnenoutfit, hole das Wichtigste aus dem im 45-Grad-Winkel am Hang klebenden Auto und lasse mich mit dem Taxi zur Osianderschen bringen. Ein Fortschritt in Selbstverständnis und Logistik: Oliver, in einer dunklen, fremden, nur aus 20 Zentimeter schmalen Gassen bestehenden Stadt fährst Du nicht selbst zum Auftrittsort. Wie zu erwarten komme ich exakt pünktlich; ja, ich komme sogar drei Minuten zu früh. Der Aufbau hat gerade erst begonnen, der Techniker trudelt erst noch ein, ich könnte noch ein halbes Dutzend erotischer Elegien von Günter Grass lesen, wenn ich wollte, aber wer will das schon? Die Buchhandlung ist klein und somit voll und das Publikum ist der Stadt entsprechend sehr intelligent und versteht so viele Anspielungen, dass ich Bonbons verteile wie sonst nur das Prinzenpaar im Kölner Karneval. Den Rückweg zum Hotel eskortieren mich die Buchändler mit dem Fahrrad, es ist nämlich fast fußläufig, mal abgesehen davon, dass man für den Aufstieg wieder Nagelschuhe und Kletterausrüstung leihen muss. Im Zimmer bestelle ich um 23 Uhr einen Berg Pizza bei einem Italiener, der ständig “Kollega! Kollega!” in den Hörer schreit und statt Pizzabrötchen ein flaches Knoblauchbrot schickt, das selbst die Größe einer Pizza hat. Ich lasse mich in das belegte Teigparadies fallen und schlafe – den C’eed und den Auftritt im Kopf – zwischen Knoblauchbrotkartons ein.

MURP des Tages:

Nachts um drei muss ich Pipi, komme wieder aus dem Bad und laufe erneut Kamala in die Arme, der mich mit einem mächtigen Bodyslam auf die Matte kloppt. Ich stehe auf, weiche zwei Schwingern aus und kontere mit einem High Kick genau aufs Ohr. Er schwankt. Ich erklimme den Ringpfosten (Nachttisch), schaue über meine Schulter und mache mich unter dem Jubel des Publikums für einen Moonsault bereit. Der Rückwärtssalto aufs Bett und den gedachten Kamala gelingt nur bedingt und die weiche Matratze katapultiert den Pizzakarton mit den inzwischen knochenharten Knoblauchecken in hohem Bogen durchs Hotelzimmer. Die Ecken landen hinter Fernseher, Schreibtisch und Beistellsessel, während der Ringrichter zählt, Kamala mich wie eine Fliege abwirft, wir beide aufstehen, er meinem Schlag ausweicht, mich an der Kehle packt und mir einen Choke Slam verpasst. Er rammt mich an der Kehle auf die Matte, nun poltern auch noch Messer, Gabel und eine halbvolle Colaflasche aus dem Bett und gegen das Fenster und ich habe genug und bleibe einfach liegen. Halbe Bewusstlosigkeit simulierend schlafe ich ungewollt ein… Fortsetzung morgen im DSF…

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