Tourtagebuch Reloaded – 06.10.2006 Bielefeld, Kamp

Meine Lehrstunde in Sachen Bescheidenheit zahlt sich fünf Tage später aus. Heute Abend erzähle ich nicht von meinen Erfolgen oder prominenten Bekannten, sondern berichte darüber, was passiert, wenn man das tut. Ich erzähle es also durchaus, aber über die Meta-Ebene; ich male in die Luft, wie mich die Punk-Gewerkschaft durch die Gassen jagt, weil ich aus Versehen geprahlt und angegeben habe, und das Publikum im als Verein organisiertem Jugendzentrum und Kulturkombinat amüsiert sich gut, obwohl auch hier Leute sind, die Angeber üblicherweise nicht mögen. Um ganz sicher zu gehen, dürfen sogar alle rauchen und währenddessen über die Gehässigkeiten gegen Raucher lachen, die in der Episode “Der Pendler” vorkommen, die ich heute das erste Mal live inszeniere. Ansonsten gibt es eine Auswahl der Greatest Hits von “Super Mario” bis “Scheiß Staat” und “Always” aus dem ersten Teil. Die Organisation ist spitze, ich gehe vor dem Gig mit Veranstalter Carsten beim Thailänder essen und finde alles schon “plug and play”-fertig vor. Da Carsten auch der Chef der Abteilung für Emo & Indie bei dem Plattenversand Green Hell ist, fachsimpeln wir so viel über Musik, dass ich schon vor dem Auftritt ganz heiser bin.

In Bielefeld bemerke ich das erste Mal, dass ich vor Dog Eat Dog herreise. Die Plakate ihrer Tournee werden mir noch öfter begegnen, immer spielen sie 6-14 Tage nach mir im selben Haus. Erst koste ich also den Bochumer Freibeuter für David Faustino vor und dann die Jugendzentren für Dog Eat Dog, die guten alten Crossover-Recken, die ihre angesagte Zeit Mitte der 90er hatten. Man kann mir nicht vorwerfen, besonders hip zu sein.

Die An- und Abfahrt in Bielefeld ist merkwürdig, denn was ich von der Stadt sehe, wirkt wie das Dorf Nothing Gulch bei Lucky Luke. Eine breite Straße und links und rechts von ihr das, was der moderne Mensch angeblich zum Leben braucht. Tankstelle, Burger King, Hornbach, Bauhaus, real, Etap-Hotel, Spielhalle, Sexshop. An einer Tankstelle messe ich den Luftdruck meines Renault 19 und kriege einen Herzklabaster. Nur 1,4 bar von mindestens 2,0! Man geht unter, wenn man sich für sowas nicht die Zeit nimmt. An dem geschlossenen Tor zur Werkstatt steht ein türkischer junger Mann und fragt mich in rustikalem Tonfall, was ich in Bielefeld mache. So, wie man im Wilden Westen auswärtige Gringos fragte, was sie in dieses einsame Nest getrieben hat. Der Mann sieht brutal aus. Ich stammele etwas von Lesung und Auftritt und erwarte, dass er mich gleich schlagen wird. Er stößt sich von dem Tor ab, zieht an seiner Zigarette und kommt auf mich zu. Er fragt. Und fragt. Fragt, was ich so schreibe, wer zum Teufel Peter Maffay sei und ob ich selber in der WG in Bochum gelebt habe, von der diese Bücher angeblich handeln. Dann gehen wir in die Tanke und trinken zusammen ein Red Bull; ich muss ja noch fahren. Bevor wir uns verabschieden, bekenne ich: “Ich glaubte, du würdest mich zu Klump schlagen.” Er sagt: “Ich weiß.” Dann lächelt er, ich steige in meinen frisch aufgepumpten Wagen, und er verschwindet in der Nacht.

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