Tourtagebuch Reloaded – 18.11.2008 Heilbronn, Osiandersche Buchhandlung

Kurze Strecke, Stressfreiheit. Den C’eed mit 130 fahren, ein bisschen Jazz und Haydn hören und bei Ankunft in Heilbronn die Äuglein mal ausnahmsweise wieder so weit aufsperren wie Detektiv Shawn aus der Serie “Psych”. Dann sieht man nämlich die Zufahrt zum genialen Insel Hotel, das in der Tat auf einer Insel des Neckars im Herzen Heilbronns liegt und das Beste ist, was mir bislang auf Tournee je widerfuhr. Zuvorkommende, würdevolle Begrüßung mit Leckereien, ein edles Interior, ein paradiesisches Schwimmbad und ein Brief des Veranstalters samt Präsent zur Begrüßung: Das Lexikon Schwäbisch-Deutsch sowie ein Brief mit Telefonnummer und dem Angebot, mich bei Bedarf vom Hotel abzuholen. Ich will mal so sagen: Das ist es, was Autoren glücklich macht. Ja, ich gestehe, das ist es, was ich will! Dunkles Holz in Hotelbars, Aufzüge mit Teppich und extra noch bei C&A für 4 Euro eine Badehose kaufen, um in das babywarm aufgeheizte Wasser eines Pools zu steigen, der von innen beleuchtet wird und dessen Wände mit idyllisch-mythischen Motiven bemalt sind, während außer mir niemand da ist und Loungemusik aus unsichtbaren Boxen tröpfelt. DAS ist Charme, auch wenn dieser Begriff in alternativen Kreisen eher dafür genutzt wird, Unterkünfte mit Matratzen zu beschreiben, die bereits genauso vitales Leben entwickelt haben wie die alten Butterbrote im Vorratschrank. Wie sehr ich mich in dieser Hinsicht verändert habe, erstaunt und erfreut auch einen alten Schulfreund, welcher dem sehr gut organisierten Auftritt in der Osianderschen beiwohnt und seinen Ohren kaum traut, als er hört, wie liebevoll aber doch süffisant-bösartig ich heute Teile meiner alten Subkulturen durch den Kakao ziehe. “Du warst mir damals so fremd”, sagt er nach der kleinen, aber sehr feinen Show und wir reden bis 1:30 Uhr in der Hotelbar über die Zeiten, in denen ich Straßenkämpfer wurde und sogar in Marx-Lesekreisen so gewissenhaft das “Kapital” durchackerte wie andere die “Dianetik” vor ihren Auditings. Er war derweil schon damals liberal und pragmatisch, verdient heute exzellentes Geld in einem Job, den er nur wegen des exzellenten Geldes macht, reist viel und kann aus dem Stegreif etwas über jedes architektonische Schlüsselgebäude einer Stadt erzählen. Ich genieße das Wiedersehen und das Gefühl, ein Schriftsteller auf Tournee zu sein, der nachmittags in einem Pool baden und alle zehn Minuten tropfend auf einer Liege davor neue Ideen für Bücher skizzieren darf. Ich genieße es sogar, wegen des neuen Bühnenkonzepts ständig im Anzug herumzulaufen, auch oder gerade weil der Anzug von C&A ist und alle seriösen Manager in den Lobbys auf meine rosa Söckchen starren. Es ist, als würde man vom Militär ernstgenommen, obwohl man im Feld ständig nur Rehe vorm Kreuzfeuer rettet. Ins Bett steige ich in dem Bewusstsein, bereits um 4:30 Uhr wieder heraussteigen zu müssen, denn morgen muss ich um 14 Uhr in Berlin bei Radio NRG auftreten und Berlin ist 600 Kilometer entfernt. Nach so einem Tag allerdings stresst mich das nicht, denn ich hatte einen Pool, eine gute Bar und getoastetes Brot noch um 1 Uhr nachts. Das Sein bestimmt schließlich doch das Bewusstsein. Zumindest da hatte mein Lesekreis Recht…

MURP des Tages:

Nach dem Auftritt erzählt mir ein Zuhörer, ein alter Kollege von ihm hätte ein unveröffentlichtes Kindermärchen verfasst, in welchem ein hinterhältiger Konzern den Kindern weismacht, sein Spezialsalat würde ganz besonders stark und unverwundbar machen. So sollen die Kids dazu gebracht werden, für teures Geld dröge Salatköpfe zu verputzen und diese Spezialköpfe heißen in dem an den Humor von “Oddworld” erinnernden Märchen wie? MURP! Wirklich wahr! Ich biete dem Mann an, dass sein Kollege das Manuskript ausgräbt und mal rübersendet und sehe meine Meinung gefestigt, dass auf irgendeine Art und Weise alles mit allem verknüpft sein muss.

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