Tourtagebuch Reloaded – 19.11.2008 Berlin, Lehmanns Buchhandlung

Ich mag Ausnahmezustände. Sie nehmen den Druck. War man früher in der Schulzeit krank, war alle Erwartung von einem genommen. Man lag im Bett, bekam Cola, Salzstangen und Bananenmatsch gereicht und “musste” gar nichts leisten. Nie fiel es mir leichter, aus heiterem Himmel und freiwilliger Motivation heraus Mathematikaufgaben zu lösen, das Etui auszumisten oder “Draußen vor der Tür” von Wolfgang Borchert zu Ende zu lesen. Als erwachsener Kulturschaffender sieht man sich höheren Erwartungen und Arbeitsbergen gegenüber denn als Gymnasiast. Der entlastende Ausnahmezustand heute lautet nicht “Krank sein”, sondern “extremer Stress”. Normaler Stress belastet, “extremer Stress” entlastet auf merkwürdige Weise. Man muss nicht ans Telefon gehen oder Mails beantworten, weil man 600 Kilometer zurückzulegen hat und nur auf der Autobahn ist. Man darf launisch und erschöpft sein, weil man um 4:30 Uhr schon aufgestanden ist, um 5 Uhr sein “Thermofrühstück” aufs Zimmer geliefert bekam und um 5:27 Uhr aus dem morgendämmernden Heilbronn hinausfährt. Man darf sich um 11 Uhr vormittags auf Rasthöfen theatralisch und mit giraffenweit geöffnetem Gähnkiefer strecken und recken und dabei allen signalisieren: “Seht her, ich bin schon seit Stunden wach, ich leiste Unmenschliches, ich brauche Koffein!” Dann schleicht man in den Hof und reibt sich beim Ziehen des Kaffees demonstrativ den Nacken. Ein kindliches Gepose, das immer noch von der Reife zeugt, die man hatte, als man auf dem Rücksitz des väterlichen Mazdas in die Ferien fuhr und die Heckscheiben von innen mit “Zelda”-Postern aus Video Games-Heften beklebte, das aber unglaublich Spaß macht…

In Berlin findet heute ein Länderspiel statt. England gegen Deutschland, ein Freundschaftspiel, es geht um nichts. An der Ampel neben dem Beate-Uhse-Museum neben dem Parkhaus Zoo, in dem ich den Kia abgestellt habe, fragen mich zwei junge Männer nach dem Weg zum Kudamm. Sie trinken Paderborner aus Dosen. Ich trage wieder Taschen wie ein Yak, denn näher als im Zoo-Parkhaus kommt man ans Hotel Belmondo nicht heran. Ich zeige ihnen, wo es langgeht. Sie geben mir ein Bier. Wir gehen gemeinsam ein Stück und ich sage: “Meichelbeck!” Sie stutzen. Ich weiß auch nicht, warum ich das mache. Ich bin gestresst. Ich bin seit 4:30 Uhr auf. Wir nähern uns meinem Hotel. “Meichelbeck – Fahrenhorst – Görlitz – Rosin: Das wär’ eine deutsche Abwehr. Und den Auer im Sturm. Auer und Kießling.” Die Jungs ordnen die Spieler in ihrem Kopf Vereinen und Fähigkeiten zu. Da ich keine Zeit mehr habe, lasse ich sie damit alleine und weiß, dass sie nun den Rest des Tages mit diesem Floh im Kopf zu tun haben werden. Dieses nerdige Verhalten, sich in Namen, Titeln, Listen und Nebensächlichkeiten zu verstricken, macht der Radio NRG-Moderator Söhnlein B. dann auch wenig später in der Aufzeichnung seiner Sendung zur Hui-Welt zum Thema. In seinem Studio fühle ich mich außerordentlich wohl, denn Stefan (so sein echter Vorname) hat den MURP! komplett (!) gelesen, sich tiefergehend mit der Hui-Welt befasst und sein Arbeitsmaterial mit einem Ausdruck des Titelscreens des alten Amigaspiels “Shadow Of The Beast” umhüllt. Nach einem Original dieses Spieles zu suchen, obschon man gar keinen Amiga besitzt gehört bekanntlich zu den vielen Beispielen “murpigen” Verhaltens im Buch. Söhnlein B. versteht den Geist des Hartmutesken; es ist eines der fünf besten Interviews, die ich je gegeben habe. Der Veranstalter der Buchhandlung Lehmanns fällt in ein ähnich motiviertes Raster wie der NRG-Moderator. Technik, Anmoderation, Zuvorkommenheit: Heute ist der Tag der Enthusiasten. Heftig ist nur der Nachmittag zwischen Radioauftritt und Buchhandelshow. In der Bar des Hotels Belmondo sniffe ich seit Tagen lagernde Mails durch den Filter eines schwachen W-LANS und absolviere ein Meeting mit einem weiteren Enthusiasten, der die Hui-Welt auf eine noch geheime Art und Weise weiter nach vorne bringen will. Während wir so sprechen, zeigt er auf den Fernseher hinter der Bar. Ein Moderator steht genau vor der Hoteltür und hinter ihm wüten britische Hooligans. Zur Lehmanns lasse ich mich daher von meinem Agenten eskortieren, der als selbstsicherer Mann mit Glatze jedem Schläger Respekt einflößt. In der Nacht hole ich beim Pizzamann neben dem Hotel Junk Food. An einem Tisch in der Ecke sitzen die Jungs von heute Nachmittag. Deutschland hat 1:2 verloren. “Meichelbeck, Fahrenhorst, Görlitz, Rosin”, sage ich und sie winken müde ab.

MURP des Tages:

Das Zimmer im Belmondo ist gruselig. Alte Möbel, dreckiger Teppich, ein Sessel in einem Erker mit Fenster zur Straße. Der Erker hat eine teppichbezogene Stufe. Auf dieser steht gegen 2:23 Uhr Kamala und nimmt den in Tübingen unterbrochenen Kampf wieder auf. Er packt mich am Arm, reißt mich herum und drückt mich gegen die Ringseile (also das Fenster nach draußen). Da ich nur eine Unterhose trage, klebt meine Haut nun von der Straße betrachtet platt und quietschend am Fensterglas. Kamala schiebt mich ein wenig daran herauf und meine Haut bleibt an der Stelle pappen und zieht sich schmerzhaft in die Länge. Derweil würgt er mich (ich würge mich also selber), schlägt mir noch ein, zwei Mal in den Magen und schleudert mich dann in hohem Bogen über die Teppichstufe auf die Matte (also aufs Bett). Dort bleibe ich benommen liegen und beschließe spontan, wieder einzuschlafen. Vor dem Fenster drücken sich ein paar versprengte Touristen aus Bayern die Nasen platt.

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