Tourtagebuch Reloaded – 20.11.2008 Hannover, Leuenhagen & Paris

Man kann es eigentlich kaum beschreiben, wie das ist, länger am Stück auf Tournee zu sein. Einerseits ist man öffentlich und bietet jeden Abend eine Show für andere Menschen. Andererseits rutscht man mehr und mehr in seine eigene Welt, in einen Tagesablauf aus Fahren, Show machen und um die Bewahrung des Überblicks kämpfen, der so gar nichts mit den normalen Leben zu tun hat. Suchtverhalten verstärkt sich; Koffeinstöße, Internetanschlüsse, Junkfood oder Badewannen werden unverhältnismäßig wichtig und sitzt man nach gelungenem Aufbau von Technik und Merchandise schließlich vor dem Publikum auf der Bühne, geht man einerseits 90 Minuten lang voll aus sich heraus und ist andererseits 90 Minuten lang viel tiefer in sich drin als bei jedem alltäglichen “Auftritt” in der Öffentlichkeit in der Schlange beim Edeka oder im Plausch bei der Dorfpost. Versinken in Atmosphäre ist heute in Hannover besonders leicht, denn der Vorleseraum bei Leuenhagen & Paris ist der schönste, in dem ich bislang je gelesen habe! Dunkle Sessel, Kerzen, Weinausschank, ein edles Stehpult mit langem Barhocker und Fotos an den Wänden, die Lesungen aus 50 (!) Jahren zeigen. Richard von Weizsäcker, Dieter Hildebrandt oder Wolfgang Hildesheimer haben hier gelesen und ich finde kaum Worte für den Respekt, den ich vor der Lebensleistung des Seniorchefs habe, der mich im CLK vom Hotel abholt und in dessen Büro auch Hunderte von Vinylplatten, Musikkasseten, CDs und Bücher stehen, die der Verlag Leuenhagen & Paris neben dem Betrieb der Buchhandlung und der Veranstaltung von Lesungen in fünf Jahrzehnten veröffentlicht hat. Es spielt dann erst mal keine Rolle, ob es sich bei den Platten um Aufnahmen regionaler Orchester zu Mozart oder Haydn oder um Märsche eines Hannoveraner Bundeswehrorchesters handelt: Die schiere Menge der Publikationen und der jahrelange Fleiß dieses Vorbilds des Mittelstandes ringen mir Ehrfurcht ab. So! Das Publikum, das heute Abend kommt, ist laut Juniorchef “recht untypisch für uns” und es ist großartig. Es geht in einer Art und Weise mit, wie ich sie aus dem Norden sonst nicht kenne und spornt mich zu einer stimmigen bis virtuosen Show an, auf der ich übrigens wie seit Tagen schon mein neuestes Gimmick austeste: Private Camcorderfilmchen “murpigen” Verhaltens. So etwa unseren echten Kater Tenhi, wie er mich verhaut, weil ich ihn darum bitte, in aller Öffentlichkeit seine geliebte Stofftierkatze Susi zu besteigen oder aber ein Video aus unserem Garten, in dem ich einem Kumpel auf so überdrehte Art Fußball erkläre, als hätte ich die Nase im Hochsommer voller Schnee. All das kommt großartig an und so sinke ich spätabends noch in die im Hotel Maritim buddhalob vorhandene Badewanne und nehme mir vor, demnächst den halben Backkatalog von Leuenhagen & Paris nachzukaufen, weil ich die Leute dieses Unternehmens so großartig finde. So etwas könnte bei EMI übrigens nie passieren…

MURP des Tages:

In der Wanne stelle ich mir vor, dass der Schaum Kontinente und Inseln bildet, atme ganz sachte, damit sich die Länder nicht allzuschnell verschieben und vertiefe mich in dieser Phantasie. Ich stelle mir Küstenlandschaften, Städte, Berge und Täler vor und imaginiere, wie die Bewohner dieser Kontinente sich von den nahezu unendlich hohen Keramikwänden berichten, die angeblich ihre Welt begrenzen sollen. Besonders prägend ist in der Mythologie dieser Welt die Sage vom atmenden, fleischigen Riesenkörper, der sich tief im Meeresgrund unter alle Kontinente hinweg erstrecken soll…

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.