Tourtagebuch Reloaded – 21.11.2008 Viersen, Conny’s Come In

Da die “WDR west.art” den Beitrag über mich ein zweites Mal verschoben hat, versuche ich auf der Rückfahrt von Hannover nach Herbern alle 40 Minuten, den zuständigen Redakteur anzurufen und halte daher häufig an. Auf einem Parkplatz bei Gütersloh will ich gerade wieder fahren, würge den Wagen ab und habe kurz darauf einen jungen Mann am Fenster, der um Mitnahme bittet. Gemeinsam räumen wir 20 Minuten lang den Beifahrersitz frei, dann steigt er ein. Jetzt ist es also passiert, denke ich mir. Entweder habe ich gleich ein Messer in der Flanke oder es geht gut. Der junge Mann studiert bald Geografie in Münster, wirkt höflich und schmächtig und stellt sich nach einer halben Stunde Small Talks als Herausgeber eines Fußballfanzines namens “Pfennigfuchser” heraus. “Ich bin ein Ultra”, sagt er ganz beiläufig und mir fällt fast das Steuer aus der Hand. Nun muss man wissen: Ultras sind nicht Hooligans, aber sie pflegen auch keinen feindschaftlichen Umgang mit ihnen. “Vor dem Spiel gehen wir gemeinsam einen trinken. Geht das Spiel los, gehen wir ins Stadion und die Hools gehen in den Wald und machen ihr Match.” So ein “Match” ist dann eine Massenkeilerei gegen zwanzig, dreißig gegnerische Hools, die ungefähr zwei Minuten dauert, zum Beispiel 28:12 endet und meist darin mündet, dass hinterher alle gemeinsam auch noch einen trinken gehen. Eine Parallelwelt, in die jedes Wochenende auch eine Menge Männer hinabsteigen, die in der Woche Lehrer, Ärzte oder Anwälte sind. Ich lerne viel von diesem Anhalter, den ich bis zum Rasthof Rhynern mitnehme. Höre, dass in England die Fußballszene fast gewaltfrei wurde, da sich die Ticketpreise fürs Stadion kein Proletarier mehr leisten kann und der öffentliche Raum zu 99% von Kameras überwacht wird. Höre, dass die härteste Szene der Welt in Polen zu Hause ist, wo man auch nicht aufhört, wenn der Gegner am Boden liegt und wo man nicht mal eine Grenze zwischen Matchzeit und Privatleben kennt. Ich denke an eine radikal liberale These, von der ich gelesen habe und die besagt, dass die Menschen in der modernen, staatsbürokratischen Gesellschaft von Kindergarten bis gesetzlicher Rentenphase so eingeengt sind, dass sich ihr natürliches Bedürfnis nach eigener Ermächtigung und Aktivität bei mangelndem Einfallsreichtum schnell in Gewalt entladen muss. Weil die westliche Welt mit Schulpflicht, Lohnsteuerpflicht und Trilliarden von Verordnungen, die sogar regeln, dass ein Eierkarton “ohne Unterbrechung in der Bewegung” gefüllt werden muss, immer noch zu risikoarm ist. Nietzsche würde das ähnlich sehen. Oder Tyler Durden.

Die Fahrt durch das erste Schneegestöber des Jahres nach Viersen ist nicht risikoarm. Im Rock- und Jazzclub Conny’s Come In bekommen Sylvia und ich Leckereien, solide Technik und einen Raum voller echter Hui-Fans geboten, von denen einige im Jahre 2006 der Voll beschäftigt-Show in der Fachhochschule Krefeld beiwohnten und nun wiederkehren. Ich erkenne sie an ihren T-Shirts und spreche einen von ihnen während des Abends häufiger mit “Hey, Dropkick Murphys” an, da er ein Shirt dieser irischen Folkpunk-Band trägt, die eine ähnlich handfeste Lebenseinstellung wie der ein oder andere Ultra hat. Die Besonderheit des heutigen Abends liegt darin, dass ich die Szenen immer mehr schauspielere und mich Schritt für Schritt an eine mutigere, theatralischere Bühnenpräsenz herantaste. Mit Sylvias enthusiastischem Lachen und gleichzeitig präziser Manöverkritik in der Pause gelingt das sehr gut. Das Schneegestöber hat auf der Rückfahrt nicht nachgelassen. Wir nehmen uns die Zeit, mit 47 km/h nach Herbern zu schleichen und hören dabei u.a. “Mercury Falling”, “Revolver”, “Pet Sounds”, “Pinkerton” und “Ghost In The Machine” je einmal durch. Wer als erster im Kommentarfeld posten kann, wer die Interpreten sind, bekommt ein kleines Hui-Paket als Preis!

MURP des Tages:

Wir nehmen uns die Zeit, mit 47 km/h nach Herbern zu schleichen und hören dabei u.a. “Mercury Falling”, “Revolver”, “Pet Sounds”, “Pinkerton” und “Ghost In The Machine” je einmal durch. Wer als erster im Kommentarfeld posten kann, wer die Interpreten sind, bekommt ein kleines Hui-Paket als Preis! :)

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.