Tourtagebuch Reloaded – 22.11.2008 Oberhausen, Ebertbad (Festival “Der Liebe Leid”)

Das Establishment der deutschen Kabarett- und Kleinkunstwelt ist eine Szene, in der ich mich überhaupt nicht auskenne und die ich auch noch nicht ansatzweise erobert habe. Daher wird mir erst beim Betreten des Ebertbads in Oberhausen bewusst, dass es sich bei dem nobel als Theater zurechtgemachten ehemaligen Stadtbad um die Heimstätte des humoristisch-feministischen Kultduos Missfits sowie ganz generell um einen Ort handelt, an dem die Großen des Genres spielen. Im Treppenhaus hängen Poster von Volker Pispers, Frank Goosen oder besagten Missfits, die schon die Bude hier vollmachten, als ich mir noch die Hosen vollmachte (um es mal übertrieben zu sagen). Umso schöner heute Teil einer Veranstaltung namens “Der Liebe Leid” zu sein, für die ein arriviertes Kabarettpublikum 28 Euro Eintritt zahlt und bei deren Soundcheck mir als erstes Gerburg Jahnke begegnet, die als eine Hälfte der Missfits seit deren Ende erfolgreich solo unterwegs ist. Jahnke, der Moderator Professor Dr. Helmut Hasenkox und die Ex-Schauspielerin und Autorin Beate Scherzer kennen sich scheint’s schon länger; weitere Acts sind Jeff Zach, Peter Carp, Dr. Manfred Tietze, Die jungen Redakteure von der “Titanic” sowie das Musikduo Nito Torres und der feine Unterschied. Im Backstage bei Getränken, Nudeln mit Sauce und Süßigkeiten bilden sich schnell Grüppchen und Small Talk-Konstellationen. Die Routineers unter sich, das Musikduo unter sich, die Titanic-Jungs und ich unter uns, auch, weil wir zufällig mit Proton die gleiche Bookingagentur haben. Die Gepflogenheiten dieser Welt sind mir fremd. So stelle ich fest: Alle rauchen. Ich betone: ALLE rauchen. Sie rauchen wie die Schlote. Sie rauchen filterlos. Sie rauchen, als ließe sich die Welt durch Rauchen retten. Sie reden. Reden über den Schnee und die Show, aber auch über andere Kollegen und das nicht immer nett. Das wiederum verstehe ich nicht. Ich sage mir: Entweder ich mag die Arbeit von Kollegen und werbe für sie oder ich halte die Klappe. Hass, Zorn und Spott gebührt Politikern, Chefs von Zentralbanken und Hedge-Fonds-Spekulanten, nicht Künstlern und Unterhaltern. Auch neu, aber niedlich: Das Ritual, sich vor der Show an den Schultern zu fassen und dem anderen drei mal symbolisch links und rechts über selbige zu spucken. Level 2: Dabei hüpfen wie die kleinen Mädchen und “Oberhausen! Oberhausen!” rufen. Um 20:15 Uhr geht es los, wir schauen den Shows der jeweils anderen auf der Empore zu und alle außer mir rauchen dabei. Ich habe 15 Minuten und bringe MURP!-Stellen, die allesamt dem Abend gemäß mit Liebe und der Unvollkommenheit des Mannes zu tun haben. Ich bin aufgeregt. Ich muss hier ein ganz anderes Publikum erobern. Es klappt ganz gut. In der Pause seile ich mich aus privaten Gründen früher ab und nehme mir vor, in diesen grandiosen Laden eines Tages mit einer Soloshow zurückzukehren.

MURP des Tages:

Am Vormittag verbringe ich trotz einer Menge Einträge auf meiner To-Do-Liste Stunden damit, den uralten PC meines verstorbenen Onkels Dieter, den bis vor kurzem meine Mutter benutzte und den ich aus Wesel mitgebracht habe, aufzubauen und als Nostalgie-PC zum Laufen zu bringen. Es ist ein Genuss. Ein Keyboard wie am Schalter eines halb verfallenen Bahnhofs in Lützow, Windows 95 und 3,5-Zoll-Disketten. Ein Tempo, das einen daran erinnert, dass das Leben kein D-Zug sein muss; technische Beschränkung als Übung in Zen-meditativer Geduld und der Gedanke daran, wie sich das jemals neu und futuristisch angefühlt haben kann, damals, vor nur 13 Jahren. Das Ausprobieren meiner Sammlung uralter PC-Spiele (“Alone In The Dark”, “Ishar”, “Simon The Sorcerer”, “Battle Isle”), die auf neuen Geräten unter XP schlichtweg nicht laufen und die einfach ein Originalgerät brauchen, verschiebe ich auf später. Ein paar Seiten in Windows 95 zu schreiben und das markige Knurren der Festplatte beim Abspeichern zu hören, ist für heute schon Genuss genug…

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.