Tourtagebuch Reloaded – 25.11.2008 Hamburg, Heymanns Buchhandlung

Es geht schon wieder los. Zwei Tage “Pause”, in denen ich 1,70 Meter Papier und ca. 212 Mails nachbearbeitet habe und schon bin ich wieder auf Tour. Den Kia C’eed habe ich bei Hertz Hamm gegen den Wagen eingetauscht, den ich laut meines Kleinstklassen-Mietpaketes eigentlich hätte bekommen müssen und der auch als einziger Winterreifen hat: Einen Fiat Panda. Er fühlt sich an wie eine Plastikkugel aus dem IKEA-Kinderparadies von innen, aber ich mag ihn. Man sitzt hoch, die Lenkung ist griffig, man kann überall wenden und der Platz reicht immerhin für an die 200 CDs… Auf dem Weg nach Hamburg mache ich “Restehören” und ackere eine Mappe mit CDs durch, die aus meiner Festanstellung in der VISIONS-Redaktion als lieblose Promokopien ohne Artwork und Hülle übrig geblieben sind. Ich stelle fest, dass The Meeting Places, Clutch, !!!, The Rakes oder Of Montreal doch sehr anständige Platten gemacht haben. Ich selbst habe mir aus meiner Sammlung vollständiger Platten ein Paket zusammengestellt, das man am besten mit dem Titel “Wut und Weichheit” zusammenfassen könnte, denn es klemmen einhellig nebeneinenader die Hardcore-Bands Make It Count und Backfire, der Rapper Jeru The Damaja, die 12-CD-Lesefassung der “Nomen”-Trilogie Terry Pratchetts sowie “Ratschläge des Herzens” vom Dalai Lama in der Tür des Pandas…

Das Hotel Smolka in einem großbürgerlichen Hamburger Stadtteil erobert zu meiner Überraschung aus dem Stand gemeinsam mit dem Insel Hotel Heilbronn den ersten Platz meiner persönlichen Bestenliste, denn in dem kleinen Zimmer gibt es edelstes Mobiliar, ein Bad wie neu und unberührt, kostenfreies WLAN und sogar eine iPod- und CD-Station, auf der ich zu meinem Vergnügen beiläufig Coconami oder die #50-Jubiläums-Compilation von 12Rec laufen lassen kann, die alle ihren Weg in die nächste “Wannenunterhaltung” finden werden. Beim Hitradio N-Joy im NDR an der Rothenbaumchaussee erkläre ich der Moderatorin und ihren Hörern, was der Murp ist und bei der Buchhandlung Heymanns in der Osterstraße freue ich mich über erstklassige Veranstaltungstechnik und einen langen Plausch mit einer Gruppe Hui-Fans, die mich im Frühjahr dieses Jahres mit Matthias Keidtel beim Sputnik-Festival während der Buchmesse erlebt hat und heute ein paar Freunde mehr mitbringt. Leute, wenn Ihr nur erahnen könntet, wie sehr mich so was freut! Beim Warten auf meinen Auftritt entdecke ich, dass Kathrin Passig und Sascha Lobo in ihrem neuen Buch Dinge geregelt kriegen, ohne einen Funken Selbstdisziplin auch einem “murpigen” Geist huldigen, in dem sie den Lebenswandel von “Prokrastinierern” (also Auschiebern) und LOBOs (Lifestyle Of Bad Organisation) beschreiben und damit selbst mich seelisch entlasten. Die beste Überschrift ihres Buches lautet dabei “Der äußere Schweinehund” und richtet sich gegen den ganzen “Wir müssen nur wollen”-Schwachsinn der klassischen Ratgeberkultur und Volkserziehung, die auch Hartmut im MURP! in Stücke schlägt. Einer überkomplexen Welt, deren bürokratische Zumutungen die schlimmsten Szenarien Kafkas übersteigen und die uns tagtäglich mit 7 Milliarden Eindrücken und Forderungen bombardiert, müssen wir nicht “gerecht werden”. So ist es. Den Erwartungen des Publikums werde ich heute gerecht, ich spiele sehr launig und kommentiere das Hochgehen der ersten Chinaböller in der Straße vor der Buchhandlung, in dem ich Wolfgang-Thierse’sche Betroffenheit nachspiele und seufzend jammere: “So ist die Welt geworden… wir vergnügen uns hier, während draußen Menschen erschossen werden. Schluchz!” Ins Smolka bringt mich schließlich ein Taxifahrer, der einen leicht irrsinnigen Blick drauf hat und mich ganz ernsthaft fragt, ob er sich von einem Kollegen Musik aus dem Netz brennen lassen dürfe, er müsse sicher wissen, ob das rechtens ist oder nicht, er glaube nämlich an Gott. Ich erkläre ihm, dass Gott das Kopieren von Timbaland-Produktionen in Maßen dulde, das Kopieren von kleinauflagigen Gitarrenbands aber nicht. Dann krieche ich in ein Bett, das umrandet von gemusterten, Shining-artigen Tapeten trotzdem so behaglich ist, dass ich schlafe wie ein Stein.

MURP des Tages:

Ich schaue mir nachmittags beim Essen auf dem Hotelzimmer den ersten Teil der mehrtägigen Bundestagsdebatte zur Verabschiedung des Haushalts von 2009 an. Heute Nachmittag wird der Bildungsetat verabschiedet. Die Regierungsparteien erklären, warum sie alles richtig gemacht haben, die FDP beklagt zu wenig Autonomie der Hochschulen, die Grünen reden von “verpassten Chancen” und Die Linke fordert kostenfreie und klassenlose Bildung für alle und zitiert dabei Marx. Jeder wirft jedem vor, dieses oder jenes in diesem oder jenem Ausschuss vor ein paar Wochen noch befürwortet zu haben, was er jetzt ablehne. Oder umgekehrt. An der Verabschiedung des Haushalts ändert die Debatte nichts, da die Koalition sowieso dafür und die Opposition dagegen stimmt. Bezahlt wird das Spektakel sowie seine Live-Übertragung von 39% meiner heutigen Gage.

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.