Tourtagebuch Reloaded – 26.11.2008 Kassel, Thalia Buchhandlung

Ich stehe im Badezimmer des Best Western Hotels Kurfürst Wilhelm am Kasseler Hauptbahnhof und kriege Depressionen. Schwarze und weiße Kacheln wie in einem Autobahnklo, eine Dusche mit Vorhang statt mit Wand und viel zu viel Platz ohne entsprechende Möbel. Man fühlt sich wie im Duschraum eines Knastes. Das Zimmer selber ist etwas besser, man kann das Gewusel auf dem Bahnhofsvorplatz aus sicherer Höhe beobachten und da mich momentan vieles erschöpft, schlafe ich ein paar Stunden, während unten Hektik und Hallo herrschen. Dann nehme ich ein Fußbad, in dem ich den ausladenden Mülleimer mit heißem Wasser und Basenpulver fülle, stecke meine Quanten hinein und lese Passig und Lobo weiter. Am Abend gestaltet sich der Aufbau mit dem zuständigen Herrn in der Thalia wieder murpiger als in den verwöhnten letzten Tagen. Der Klang kommt heute nur über zwei kleine Büroboxen am Laptop und der Empfänger der Hausanlage für das kabellose Mikro macht ein Höllenfeedback, weil zwei Mikrofone über eine Frequenz geschaltet sind. Außerdem lässt sich das Licht nicht abschalten, weil Licht und Strom in diesem Gebäude kausal miteinander zusammenhängen. Ich kaufe zum Ausgleich aus einer Laune heraus ein paar aktuelle Jugendromane und rocke das Haus wie üblich, wobei es mich besonders freut, dass ausgerechnet der junge Mann, der die ganze Zeit über skeptisch bis regungslos wirkte, nach der Show zu mir sagt: “Herr Uschmann, Sie haben mir heute Abend eine Menge Freude bereitet!” Um 23:57 Uhr komme ich gerade noch rechtzeitig in die Dönerbude gegenüber des Hotels, vergesse meine Geldbörse und darf die Sachen einfach so mitnehmen. “Bringst Du Geld morgen!”, sagt der Chef und natürlich bringe ich es nicht morgen, sondern um 23:59 Uhr aus dem Hotelzimmer. Hätte er gesagt “Ohne Geld keine Falafel” wäre ich zu Meckes gegangen. So funktioniert Freundlichkeit.

MURP des Tages:

Ich schaue mir nachmittags beim Essen auf dem Hotelzimmer den zweiten Teil der mehrtägigen Bundestagsdebatte zur Verabschiedung des Haushalts von 2009 an. Heute Nachmittag wird der Umweltetat verabschiedet. Die Regierungsparteien erklären, warum sie alles richtig gemacht haben, die FDP beklagt zu wenig Autonomie der Unternehmen, die Grünen reden von “verpassten Chancen” und Die Linke fordert kostenfreie und klassenlose Umwelt für alle und zitiert dabei Marx. Jeder wirft jedem vor, dieses oder jenes in diesem oder jenem Ausschuss vor ein paar Wochen noch befürwortet zu haben, was er jetzt ablehne. Oder umgekehrt. An der Verabschiedung des Haushalts ändert die Debatte nichts, da die Koalition sowieso dafür und die Opposition dagegen stimmt. Bezahlt wird das Spektakel sowie seine Live-Übertragung von 39% meiner heutigen Gage.

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