Tourtagebuch Reloaded – 27.11.2008 Bielefeld, Thalia Buchhandlung

So, jetzt muss frischer Wind in die Sache. Ich spüre eine leichte Erschlaffung, also hocke ich mich auf halbem Weg nach Bielefeld an die Sitztheke eines kleinen Rasthofes, packe mein Programm auf den Tisch und schreibe um. Ich ändere die Richtung, kaufe Hagebuttentee statt Kaffee (ist Punk!), beschimpfe einen Anrufer, der auf unserem heimischen AB nur ein Schnaufen statt einer Nachricht hinterlassen hat, frage einen Rasthofbesucher, warum zur Hölle Martin Max niemals Nationalspieler war und notiere mir für heute Abend einen Ablauf, der viele ganz neue Stellen aus MURP! ausprobieren wird. Ich muss raus aus der “Gewohneitsenergie” und rein in die “Achtsamkeitsenergie”, wie ein Buddhist sagen würde, ich höre während meiner Fahrten den Dalai Lama, meine Güte, und ich nehme was davon mit, auch wenn der Mann sagt, dass man sich nicht leichtfertig als “Buddhist” bezeichnen sollte, wenn man keiner ist. Salonbuddhismus lehnt der lächelnde Mann ab so wie Karl Marx heute Oskar Lafontaine ablehnen würde, was kein Argument für Karl Marx sein soll. (Und für Lafontaine erst Recht nicht). Ich bin aufgedreht, da Hagebutten anscheinend in mir ungewöhnliche Prozesse auslösen und so bin ich umso erfreuter, als ich im Tulip Inn zu Bielefeld das erste Mal in meiner Laufbahn mit großem Trara als Prominenter empfangen werde. “Es ist uns eine Ehre, Sie in unserem Haus zu begrüßen, ja?”, sagt die Chefin, die jeden Satz mit”Ja?” beendet und die mich übereifrig, aber sehr charmant umwuselt. Um 17 Uhr sei unten ein Empfang mit Häppchen, Kürbissuppe und Poffertjes, da das Tulip Inn unter neuem Besitzer frisch eingeweiht wird und so sitze ich ab 16:30 Uhr in der Hotelbar, tippe Tourtagebücher, die schon Wochen in Verzug sind, esse ein paar Zentner Häppchen und bin zufrieden, da ich schon um 13:30 Uhr in der riesigen Thalia war und die Lage gecheckt habe. Hagebutten, ahoi! Diese Thalia hat einen externen Veranstaltungsservice engagiert, den ich sofort umarmen könnte, denn die wissen, wie man ein Leinwandbild und einen guten Sound einrichtet. Die Stuhlreihen sind wie an der Schnur gezogen, der Büchertisch ist 100 Meter lang und ab 18:30 Uhr halte ich mich im Laden auf und stöbere schon mal für Weihnachten. Aloha! Die Show wird übermütig, improvisierter als sonst, mit ungewöhnlicher Stellenauswahl, mit Hagebuttentee-Auswahl. Es ist, als würden Bad Religion live endlich auch mal Lieder wie “Fertile Crescent” oder “It’s Reciprocical” spielen oder Genesis “All In A Mouse’s Night” oder Metallica die Hälfte von “Reload” oder Grönemeyer nur Stücke von “Chaos”, was im Übrigen ein höchst amüsantes Experiment wäre. Da das Tulip Inn auch eine Badewanne hat, ist der Abend auch gerettet und ich sinke in Schaumberge, während mein Laptop auf dem Klodeckel steht und ich mir auf Englisch “Blood Diamond” von DVD reinpfeife. Der ist zwar deprimierend, aber die Figur DiCaprios in der härtesten Gegend der Welt einfach nur faszinierend. Gegen 2 Uhr rufe ich an der Rezeption an und frage, ob sie dem Autor Uschmann eine XBox360 mit “Far Cry 2″ (spielt zwischen Paramilitär und Gangstern in Afrika) besorgen können, aber das geht selbst dem Team des Tulip Inn zu weit. Schlafen ist aber auch okay.

MURP des Tages:

Ich schaue mir nachmittags beim Essen auf dem Hotelzimmer den dritten Teil der mehrtägigen Bundestagsdebatte zur Verabschiedung des Haushalts von 2009 an. Heute Nachmittag wird der Verkehrsetat verabschiedet. Die Regierungsparteien erklären, warum sie alles richtig gemacht haben, die FDP beklagt zu wenig Autonomie der Verkehrsbetriebe, die Grünen reden von “verpassten Chancen” und Die Linke fordert kostenfreie und klassenlose Verkehrsmittel für alle sowie die Entmachtung von Hartmut Mehdorn. Ich mag den Mann zwar auch nicht, aber Anmaßung von Politikern mag ich noch weniger, denn im Grunde spürt man, dass sie am liebsten nicht nur entmachten, sondern “enthaupten” sagen würden wie in den guten und gerechten Tagen eines Robespierre. Jeder wirft jedem vor, dieses oder jenes in diesem oder jenem Ausschuss vor ein paar Wochen noch befürwortet zu haben, was er jetzt ablehne. Oder umgekehrt. An der Verabschiedung des Haushalts ändert die Debatte nichts, da die Koalition sowieso dafür und die Opposition dagegen stimmt. Bezahlt wird das Spektakel sowie seine Live-Übertragung von 39% meiner heutigen Gage.

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.