Tourtagebuch Reloaded – 28.11.2008 Halle, MDR Sputnik Popkult

In die Tiefgarage des Tulip Inn führt eine graue Stahltür. Die lässt sich nur öffnen durch Druck eines Knopfes neben ihr. Es summt, sie geht auf. Männer verstehen so was nicht. Sie schauen nicht hin. Sie haben keine Achtsamkeitsenergie. Also stehe ich morgens vor dieser Tür und rüttele 7 x an ihr, bis fast die Angel bricht. Dann finde ich den Knopf. Ich belade den Fiat Panda, als hinter der geschlossenen Tür wieder jemand zu fuhrwerken beginnt. Männer. Sie rütteln, sie schütteln, sie treten sogar dagegen. Nach 18 Versuchen finden sie den Knopf. Sie sind sehr groß und haben gestern auf einer Messe Geschäfte gemacht. Sie lachen. Es ist 6:30 Uhr. Die Chefin kommt und sagt: “Oh, Herr Uschmann, schon wach, schon los, ja? Wollen Sie nicht noch einen Coffee to go, ja?” Ich sage “Nein Danke, die Hagebutte regiert jetzt mein Leben!” und mache mich auf den Weg in den Osten, wo ich heute gemeinsam mit Bosse zwei Radioauftritte absolvieren soll. Den ersten in Leipzig bei Radio NRG Sachsen und den zweiten nebenan in Halle in der Liveshow Popkult bei MDR Sputnik. Mein Hotel nehme ich in Halle und komme gegen Mittag dort an. Das Innenleben (vor allem das Foyer) ist James-Bond-artig charmant, aber der Blick aus dem Fenster fällt ins Jahr 1988. Bis auf ein restauriertes Haus nur Plattenbauten und Verfall, klassenloses Wohnen, paradiesische Gerechtigkeit mit Feinstaub, Siff und Armut für alle. In Leipzig gehe ich auf den Weihnachtsmarkt an der Thomaskirche, esse eine Champignonpfanne und sage zu einem Mann neben mir, den ich aus unerfindlichen Gründen für einen Beamten halte: “Na, gegen welche Verordnungen verstößt denn diese Champignonbude hier, na? Überlegen Sie sich schon, aus welchen Gründen Sie sie schließen könnten? Oder stärker besteuern? Erhöhter CO2-Ausstoß durch Pfurzen nach Konsum der scharfen Knoblauchsoße?” Der Mann entfernt sich schnell und erschrocken; ich bin wohl langsam wirklich überarbeitet. Bei NRG im Radiogebäude an der Thomasgasse direkt schräg über der Champignonbude sehe ich das erste Mal nach dem Videodreh in Berlin Bosse wieder und gastiere mit ihm in der Sendung von Erik Mickan, die eigentlich von Indierock handelt. Heute handelt sie vom MURP sowie unserem Song und Erik spielt in Anlehnung an die Radiosatire im Buch gleich 2x in einer Show “Surrender” und “Einfach sein”. Ich kaue in den Sprechpausen auf einem Zahnstocher herum und rülpse, was Bosse zu der erstaunten Frage verleitet, wie ich denn seit unserer letzten Begegnung so ein Asi geworden sein könne. Ich erkläre, dass ich einen harten Tag hatte, denn von 8:15 Uhr bis 10:15 Uhr stand ich heute Vormittag bei Hannover-Lauenau im Stau und musste derart nötig urinieren, dass ich kurz davor war, mir einen Behälter aus Tupperdosen zu basteln und im Stau im Wagen meinen Prengel auszupacken. Ich hielt inne bis zur Abfahrt, an der sämtliche Verkehrsteilnehmer von der Autobahn runtergeleitet wurden, raste direkt nach der Ausfahrt einen schrägen Wall neben der Landstraße hinauf, zerrte die Handbremse fest, sprang aus dem Wagen und explodierte in einer nie gesehenen Form von Exstase wie ein Rasensprenger auf die niedersächsischen Rübenfelder. Währenddessen passierten mich Auto- und Lastwagenfahrer aus dem Stau, hupten, winkten und lachten in einer Form aus Schadenfreude und fürsorglichem, empathischen Mitleid. Da kann man ja wohl im Studio mal was Asi sein. Zwischen den Auftritten gehen Bosse, der Promoter Tom und ich in der alternativen Leipziger Bar Hotel Seeblick sehr gut essen, fahren minutengenau nach Halle, betreten um 20:57 Uhr das MDR-Studio und machen von 21 Uhr bis 22 Uhr Sendung mit einem beeindruckend präzise schaltenden und waltenden Moderator, der uns einfach reden lässt, auch wenn ich mich in der Phantasie verliere, im Jahre 2028 gemeinsam mit Bosse ein 155-minütiges Konzeptalbum deutscher Sprache aufzunehmen, das der Struktur von The Lamb Lies Down On Broadway angelehnt ist und Soundsamples von Monkey Island 2 und Shadow Of The Beast enthält. Es hat halt seine Wirkung, wenn ein Koffeinsüchtiger seinen zweiten Tag freiwillig ohne seine Droge und stattdessen mit Hagebutten verbringt. Gegen 0:47 Uhr tänzele ich in das Maritim-Hotel, bestelle einen Whiskey an der Bar zwischen fremden Geschäftsmännern und ihren geschminkten Frauen, sage “auf den Mittelstand und die Champignons, gegen den Sozialismus und Feinstaub!”, trinke aus, gehe ins Bett und lese noch 20 Minuten lang die Korintherbriefe in der Bibel.

MURP des Tages:

Ich höre mir im Deutschlandfunk eine zweistündige Debatte über das neue BKA-Gesetz zur Online-Überwachung der Bürger an, in der ein Redakteur der Süddeutschen und Autor des Buches Der Terrorist als Gesetzgeber gegen und Herr Wiefelspütz von der SPD für die Ausweitung der Überwachung plädiert. Beide Herren dürfen sich je ein Stück Musik wünschen. Der eher freiheitlich gesinnte Buchautor wünscht sich ein Klavierstück von Bach in der Interpretation des israelischen Dirigenten Daniel Barenboim. Der Ex-68er-und-heute-Volksüberwacher Wiefelspütz wünscht sich Bob Dylan und erdreistet sich doch tatsächlich, seinen Kollegen (sie scheinen sich hinter den Kulissen persönlich zu kennen) öffentlich zu verspotten, was für einen bekloppten Musikgeschmack er doch hätte. Ja, er gebe es zu, so Wiefelspütz, er sei in Sachen Musik ein Diktator. Ich betone noch mal: Sein Gegenüber hat sich nicht die Bloodhound Gang gewünscht, sondern Daniel Barenboim. Kulturlosigkeit, Bürgerüberwachung zu unser aller Wohl und der dümmlich-selbstgerechte Absolutismus der Dylan-Joplin-Doors-Generation gehen hier eine heilige Dreieinigkeit ein, die zum Lachen wäre, wäre sie nicht zum Heulen. Bezahlt habe diese Posse übrigens ich mit meinen Spritkosten der letzten Tage…

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