Tourtagebuch Reloaded – 10.12.2008 Siegen, Lyz

Das Lyz ist der Traum eines jeden Kulturschaffenden. Ein großes, lichtes Kultur- und Medienzentrum mit schickem Kino- und Theatersaal für die Lesung, exzellenter Technik und einem Backstage, das mit seinem alten Fernseher und den Requisitenschränken in der Garderobe genau das charmante Mittel zwischen abgenutzter Geschichtsträchtigkeit und luftigem Komfort bietet. Künstlerbetreuer Florian ist ein alter Mailbekannter aus der Zeit als Musikredakteur und betreibt nebenher das Label Bastardized Recordings und Veranstalter Patrick Zöllner hat ausgerechnet an der Ruhr-Uni Skandinavistik studiert. Vor mir las hier Charlotte Roche, aber aufs Cover des Monatsprogramms haben sie trotzdem mich gepackt, ebenso auf gigantisch große Plakate und die Rollwerbetafel an Siegens wichtigster Kreuzung. Dirk Schmidt macht mir einen satten Klang und ein gutes Bild und das Publikum sorgt schließlich dafür, dass es eine euphorische Show mit hohem Anteil spontaner Improvisation wird. Heute Abend sind besonders die Männer dran, denn ich wähle zahlreiche Stellen des MURP!, die das Unperfektsein meines Geschlechtes durch den Kakao ziehen; sogar die finale Zugabe handelt davon, Regel 5 der Unvollkommenheit in Beziehungen, “Verteidigung des Gegners”. Davor bringe ich “Closeline” wieder auswendig und mit Körpereinsatz. Der extrem eifrig mitschreibenden Journalistin der Siegener Zeitung sowie allen im Publikum, die genau hinhören, purzeln im Sekundentakt Anspielungen vor die Füße; besonders die Finanzkrise beschäftigt mein Köpfchen, und so taucht heute Abend u.a. aus heiterem Himmel der “Bretton-Woods-Opel” im Programm auf, also ein Opel, der im Gegensatz zur virtuellen Wirtschaft der Gegenwart zwar nicht mit Gold (wie es jemand aus dem Publikum sich wünschte), aber immerhin mit gesichertem Geld bezahlt ist, wie es einmal existierte, in alten Zeiten, als die Kraftfahrzeuge noch nicht von Satelliten geortet werden konnten. Von dieser Phantasie erzähle ich auch und mache dem Publikum begreiflich, dass meine Generation nun mal jeden öffentlichen Platz daraufhin betrachtet, wo Scharfschützen hocken könnten. Wenn man es genau betrachtet, kommen meine Artgenossen in meinen Programmen nicht allzu würdevoll weg. Meine Lektorin ist zu Gast und bringt eine Flasche Champagner mit, da dank Euch der erste Teil von Hartmut und ich soeben die 100.000er-Marke erreicht hat und wäre das nicht alles ohnehin schon optimal, hat das Lyz in seinem Programmblatt auch noch über Hui-Romane geschrieben, sie würden “in der Hartmut-und-ich-Fan-Welt derart scharf beobachtet wie einst Loriot im Bürgertum.” Nach all dem will ich das Lyz sofort kaufen, lasse es bleiben, spekuliere aber vor lauter Übermut mit ihnen sowie der Dame vom VEB Siegen (wo ich 2006 las und das Team live Pommes Spezial zubereitete) über das Experiment einer 24-Stunden-Show in beiden Clubs. Daran kann man ermessen, wie wohl ich mich hier gefühlt habe. Über eine tatsächliche Umsetzung der letztgenannten Idee halten wir Euch im Newsletter der Hui-Homepage auf dem Laufenden.

MURP des Tages:

Um 9:30 Uhr morgens ruft eine Promo-Dame der Ruhr-Nachrichten an und fragt mich als “ehemaligen Testleser”, ob ich theoretisch als Gast dabei wäre, wenn die Zeitung im Sommer 2009 wieder ein Sommerfest mit Konzert organisieren würde. Ich nehme mir 20 Minuten Zeit, der Dame zu erklären, dass ich mich für solch ein Ereignis allenfalls als Act buchen lasse und die Ruhr-Nachrichten 2006 auch nicht intentional probegelesen habe; sie wurde uns vielmehr ungefragt 14 Tage lang in den Briefkasten geschmissen. Nach dieser Aussprache fragt sie mich, wie man erfolgreich Bücher veröffentliche, da sie selber schreibe, und ich lade sie ein, zu einem meiner kommenden Seminare als Wortguru zu kommen. Sie sagt zu. Ergebnis des Call-Center-Anrufs war also, dass ich eine Kundin gewonnen habe. Um 11:30 ruft ein Promo-Herr der Ruhr-Nachrichten an und fragt, ob ich die Zeitung nicht mal eine Woche testen wolle. Ich erkläre dem Mann in stoizistischer Ruhe, dass ich dies bereits 2006 getan habe, man mich daher heute auch zu Stadtfesten einlädt und ich selber Journalist und Autor sei; ein Pommesfrittierer kauft die Stäbchen ja auch nicht mehr für 2,50 Euro bei der Konkurrenz. Nach dieser Aussprache fragt der junge Mann mich, wie man erfolgreich Bücher veröffentliche, da er selber schreibe und diese Werbesache hier nur ein 400-Euro-Job sei. Ich lade ihn ein, zu einem meiner kommenden Seminare als Wortguru zu kommen. Er sagt zu. Und da sage noch jemand, Werbeanrufe würden nichts bringen.

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