Tourtagebuch Reloaded – 18.12.2008 Hattingen, Haus der Jugend

Auf dem Weg in die fachwerkbetonte und altehrwürdige “Stadt der Schlagfertigen” fahre ich mitten durch das alte Hartmut-Viertel. Nostalgische Gefühle, tausend Erinnerungen, Emotionsschübe, die Stimmen der Bochumer im Ohr: “Wann kommen die vier denn nach Wiemelhausen zurück?” An der Kreuzung, an der man ebensogut zum Kemnader See abbiegen könnte, schalte ich WDR4 ein und stelle erneut fest, dass es in Schlagertexten immer nur um Sex geht. Um Sex, Feiern und ein gutes Leben. Leonard singt Verse, deren Metaphorik nur halbwegs verdecken kann, dass hier die Geilheit pulsierender drängt als bei den meisten Rockmusikern, die heutzutage ohnehin nur noch die Welt retten und beim Papst auf der Matte stehen. Als ich in Hattingen einfahre, singt Uwe Busse vom “Jahrmarkt der Träume”. Uwe Busse – so recherchiere ich es vor dem Auftritt auf dem Büro-PC vom Haus der Jugend – hatte in den späten 70ern noch eine Heavy-Metal-Band, bevor er Songschreiber für die Flippers und andere Helden wurde. Etwas vom morbiden Charme des Metals ist allerdings übrig geblieben, denn ich fresse einen Besen, wenn “Jahrmarkt der Träume” nicht eine kunstvoll verschlüsselte Parabel vom Übergang ins Jenseits ist; ein Schlager über den Tod, ein Lied, bei dem man trotz heiterer Melodie einen verschneiten, dunklen, verlassenen Rummeplatz im amerikanischen Mittelwesten vor sich sieht, auf dem die zwei Jungs aus “Supernatural” Geister jagen.
Im Haus der Jugend jagen die Veranstalter und ich erst mal Programme, Patches und Player im Internet, weil der Hausbeamer nicht mit meinem Laptop kann, ähnlich wie manche Karthäuser einfach nicht mit Persern können. Die Show ist sehr angenehm für mich, weil der Laden schön ist, das Publikum freundlich und dankbar und ich in guter, vorweihnachtlicher Laune. Ich fühle mich willkommen. Da ich die mentalen Spendierhosen anhabe, notiere ich dem Booker das geniale Dutzend Bands, das ich jedem Veranstalter einzuladen empfehle. Im Postfach finde ich zudem eine Mail, dass nach Carsten Wunn nun mit Raymund Krauleidis der zweite Schriftsteller, den ich meiner Agentur empfohlen habe, tatsächlich seinen ersten professionellen Roman veröffentlich, im Sommer 2009 bei Heyne. Damit habe ich bereits unterm Strich mehr Menschen in Lohn und Brot gebracht als die Arbeitsagentur. So lässt es sich durch den weißen Frost nach Hause fahren…

MURP des Tages:

Die intensive Beschäftigung mit dem Werdegang Uwe Busses im Büro des Veranstalters führt dazu, dass ich vier Tage nach dem Auftritt beim Saturn eine “Best Of” von Uwe Busse erwerbe, die ich zu Weihnachten meiner Oma Hanni schenke. Ich würde lügen, würde ich behaupten, ich hätte sie vorher nicht in aller Ruhe selbst gehört.

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