Tourtagebuch Reloaded – 31.12.2008 Iserlohn, Literaturhotel Franzosenhohl

In seinem “Brief an den Vater” schreibt Franz Kafka: “Diese Deine übliche Darstellung halte ich nur soweit für richtig, daß auch ich glaube, Du seist gänzlich schuldlos an unserer Entfremdung. Aber ebenso gänzlich schuldlos bin auch ich.” Es herrscht also ein unausweichlicher, nicht zu schlichtender Konflikt zwischen den beiden, an dem keiner die Schuld trägt. Eine Kluft, die unüberbrückbar ist. Diese Kluft wird auch für immer zwischen Rauchern und Luftatmern bestehen und trotz stärkster Sympathien einen Graben ziehen. Doch der Reihe nach…
Das Literaturhotel Franzosenhohl, von dem in diesem Tourtagebuch im August 2008 bereits sehr lobend die Rede war, bot zum Jahreswechsel rund 90 Gästen eine Show mit den Autoren Carsten Wunn, Bianca Stücker und Oliver Uschmann sowie Musik von Slowtide und dem Ensemble Violetta respektive Violet, also den beiden Bands, die Bianca und ihr Gatte betreiben, die an diesem Abend als Duo unplugged auftraten. Das machten sie fabulös. Nachdem Carsten auf seine knochentrockene, sehr sympathische, doch sehr ruhige Art seine großartig absurden Katzenepisoden aus Kniesel und ich vorgelesen hatte, tröteten Bianca und ihr Mann dem Publikum plötzlich mit beißend lauten Schalmeien die Knöchelchen aus dem Trommelfell. In diesem Moment sah man die Stirnporen der Anwesenden den Angstschweiß aus sich heraus pressen. Ensemble Violetta spielen mittelalterliche Musik, soviel wusste jeder. Würden die beiden nun etwa 20 Minuten lang in 140 Dezibel die Schalmei blasen? In diese Angst hinein sagte Bianca lächelnd: “Ja, das klingt fürchterlich, nicht wahr?” Dann wechselte sie mit ihrem Liebsten in ein bezaubernd schönes Set aus Traditionals von Ensemble Violetta und eigenen Songs von Violet, die sie mit einer trotz Grippe beeindruckend sicheren, heather-nova-artig entrückten Stimme vortrug. Ich konzentrierte mich angesichts der zahlreich erschienen Ehepaare bürgerlicher Bauweise voll auf die Stellen in MURP!, welche die Unvollkommenheit des Mannes und die Dynamik langjähriger Beziehungen zum Thema haben, und erntete so saftig Gelächter wie die Niederländer ihre Treibhaustomaten. Bianca erklärte uns danach als Autorin beherzter Alltagsgeschichten, warum wir unbedingt ein Klapprad kaufen sollten und zum Abschluss zauberte Maya Hasenbeck ein kabarettistisches “Dinner For One”. Die ortskundigen und furchtlosen Gäste erklommen gen Mitternacht mit skurillen, manuell durch Quetschen und Kurbeln aufzuladenden Taschenlampen den Berg zum Danzturm; Sylvia, die künftige Schwiegermama und ich tranken unseren Sekt lieber auf dem Balkon des Hotels, dessen Blick einmalig war. Eine Hütte am dunklen Hang, halb verwaschen im Nebel, knorrige Zäune, bewaldete Berge. Ein Gemälde von Matisse. Am dunkelblauen Himmel zog ein brennender Lampion an uns vorbei; am Danzturm lassen sie sie jedes Jahr steigen, um für das neue Jahr Glück zu bringen. Vor dem Tannenbaum im Foyer spielten Slowtide ebenso in Duo-Besetzung noch bis rund 2 Uhr ein schönes Set. Danach standen wir noch alle ein wenig zusammen vor der endlos langen Bücherwand des Hotels – Familie Slowtide, Familie Wunn, Familie Hui – und fühlten uns einfach wohl. So wohl, wie man sich nur an diesem Ort fühlen kann, der in seiner Mischung aus Naturerlebnis und literarischer Wellness schlichtweg bundesweit einzigartig ist. Nur eine Tatsache untergrub für Sylvia und mich dieses Wohlsein. Das Foyer und alle Hausflure waren leider bis in die letzte Pore mit dem Zigarettenqualm aus der Bar durchzogen, die bei unserem letzten Besuch im August dauerhaft geschlossen blieb und uns als Luftatmern einen sicheren Aufenthalt erlaubte. Diese Tradition schien jedoch bereits vor Silvester abgebrochen worden zu sein, frei nach dem Motto: “Wenn ab und an die Tür offen steht, kann das nicht so schlimm sein.” Für uns ist es das aber. Sylvia reagiert auf Zigarretenqualm genauso allergisch wie andere Menschen auf Pollenflug oder Katzenhaare. Ich reagiere nicht allergisch, aber empfindlich. Uns beiden reißt eine stete Qualmpartikeldichte die Abwehrkräfte unter den Füßen weg und öffnet Tür und Tor für alle angreifenden Viren, die an diesem Abend von einigen Gästen verteilt wurden. Ergebnis waren weit über 14 Tage Husten, Bronchialterror und Kraftverlust; Beginn der Husterei und des Elends exakt 24 Stunden nach Inkubation, bis dahin künstlich unterdrückt durch Histaminpillen und die Rücksicht und Furcht, die wir Luftatmer uns über Jahrzehnte antrainiert haben. Die Rücksicht, wegen der Sucht der Anderen im Zweifel nichts zu sagen. Die Furcht, schlussendlich doch nur als Sensibelchen und Spielverderber dazustehen, vor allem, wenn man im MURP! das Recht auf körperliche Selbstzerstörung gegen die Gesundheitsdiktatur propagiert. Auf körperliche SELBSTzerstörung allerings, nicht auf FREMDzerstörung, die aus bloßer Gewohnheit nicht als solche anerkannt wird. Wie wäre es, wenn ein Hotel an Silvester einfach mal aus Spaß ein paar Zentner Pollen mit einer Pollenkanone einblasen würde? Oder Haselnüsse in ausnahmslos jedes angebotene Gericht packen, “nur ein paar”, die “ja nicht so schlimm sein können”? Das Schlimme an der Sache ist, dass wir die Menschen, die dieses Hotel betreiben, sehr mögen. Dass wir den Ort für uns als eine wahre Oase kennen gelernt und für ewig auf unserer Lebenslandkarte gespeichert hatten, mit goldenem Stern. Jetzt müssen wir ihn für uns löschen und das bricht uns das Herz. Die Entfremdung ist da, weil man von den Rauchern nicht verlangen kann, jemand zu sein, der sie nun mal nicht sind. Und von den Luftatmern auch nicht. Es ist wie bei Kafka, dessen Fleischverweigerung für seinen Papa ebenso unverständlich war. Könnte man passiv Fleisch essen, Hermann Kafka hätte seinen Sohn dazu gezwungen. Und alle sind “gänzlich unschuldig”.

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