Tourtagebuch Reloaded – 13.10.2006 Potsdam, Waschhaus

In Potsdam werde ich von den Frauen besiegt. Ich lese unten im Hauptsaal, wo – drei Mal dürft ihr raten – demnächst Dog Eat Dog spielen werden. Den Abend zuvor haben The Ocean und Traktor hier epischen Lärm gemacht. Oben, im kleinen Saal, findet die offene Bühne der Papierpiloten statt, ein Forum für alle, die ihre Texte vorstellen wollen; der literarische Underground, in dem ich mich einst ausgiebig tummelte. Das Motto heute lautet “Frauen können auch lesen” und so strömen an der kleinen Kasse, an der ich selber neben dem Veranstalter Moritz stehe und über Hardcore-Bands plaudere, die Besucherinnen vorbei. “Wo geht’s zu den Papierpiloten?”, fragen sie oder: “Uschmann? Kennen wir nicht! Wir wollen zu den Papierpiloten!” Potsdam ist ein hartes Pflaster für Ruhrpott-Literaten, doch wenigstens ist das erste Mal mein Agent samt Ehefrau zugegen und hat großen Spaß. Ich habe eine Riesenleinwand und die Menschen versinken in der virtuellen WG. Immer, wenn ich die Nase putze (ja, ich bin schon wieder krank), lasse ich die Milben im Teppich tanzen, den Milbentechno über die P.A. schön laut verstärkt. Das macht Spaß. Meine Show hat sich auch verändert, erstmals lese ich neben ganzen Geschichten auch nur spezielle Passagen und stricke aus ihnen den Gesamtplot um Caterina, Sebastian und die Hausverteidigung zusammen. Ein Handlungsbogen, eine kleine Dramaturgie. Nach dem Auftritt rufe ich Sylvia an, was ohnehin meine Lieblingsbeschäftigung ist: Erzählen, die Freude über diese Gigs teilen, gute Nacht sagen über 500 Kilometer.

An einem Holztisch in dem kalten Innenhof hocken zwei Berliner Hipster und kichern, weil ich zwei Oktaven höher als normal spreche und ständig “mein Engelchen” oder “Miu Miu!” sage, wie Männer das am Telefon nun mal tun. Als ich mich mit vielen Küssen verabschiedet habe, gehe ich zu ihnen und sage: “Wem erzählt ihr heute Nacht von eurem Tag?” Sie sagen nichts. Einer wimmert. Dann sage ich: “Lieber hoch mit den Oktaven als runter mit der Laune.” Dann koksen sie, aber ohne Freude.

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