Tourtagebuch Reloaded – 23.09.2006 Lüdinghausen, Kolpinghaus

Blümchen in der Durchreiche – die etwas andere Weltpremiere

Voll beschäftigt ist noch gar nicht erschienen und die Lesung in Lüdinghausen somit eine Weltpremiere. Wenn andere Weltpremiere feiern, buchen sie dafür ein Kino in Berlin oder eine Werft in Hamburg. Die gesamte Presse kommt und bringt der Autor auch noch ein paar Exemplare seiner Bücher mit, bevor es sie im Handel gibt, reißen sich die Gäste darum wie Flusskrokodile um ein gutmütiges Gnu. Nicht so bei mir. Ich feiere die Weltpremiere meines humoristischen Sozialdramas um die Generation Praktikum im Kolpinghaus zu Lüdinghausen. Organisiert hat den Abend das Kulturforum KAKTuS; die drei exklusiv mitgebrachten Vorabexemplare liegen zur Ansicht in einer Durchreiche, drapiert zwischen bunten Blümchen und Spitzendecken. Hartmut würde das gefallen.

Fünfzig neugierige Gäste sind anwesend, aber die wichtigsten Ohren an diesem Abend gehören meiner Frau Sylvia, die in einem Maße Mitschöpferin des Hui-Universums ist, das mir kein männlicher Redakteur von Fernsehen, Funk und Presse abkauft. Das Publikum besteht aus gebildeten Münsterländern gehobenen Alters, die vor dem Beginn der Show bei Grüntee und Gin Tonic über die frühen Kurzgeschichten von Siegfried Lenz reden. Es fällt der Titel So zärtlich war Suleyken und wenn ich als Germanist vor einer Lesung aus einem komödiantischen Roman den Begriff So zärtlich war Suleyken höre, werde ich überaus nervös. Sylvia spürt das und sagt mir den Satz, der mir hilft, seit ich Bücher schreibe und auf Bühnen stehe: “Das Wichtigste ist, dass Du selbst Spaß hast. Und mich zum Lachen bringst!” An den hinteren Tischen sitzen ein paar versprengte Jugendliche mit Rock’n'Roll-T-Shirts, die sich statt über Lenz’ Kurzprosa über ihre Lieblingsgeschichten aus Hartmut und ich, Teil 1, austauschen. Ich brauche kein Mikro und lese trotz der sensiblen Lenz-Kenner die lautesten Episoden des neuen Buches. Die Leute amüsieren sich prächtig, sogar “Scheiß Staat” kommt im Kolpinghaus gut an und Sylvia versucht auf sehr süße Weise, ihre Lachanfälle wenigstens so weit zu bremsen, dass die Leute nicht glauben, ich hätte sie als Anheizerin eingestellt. So oder so steckt sie die Menschen und mich selbst an, und mit jedem weiteren Wort spiele ich tatsächlich nur noch für den Spaß an der Freud. Spätestens hier merke ich, dass auch die Lenzleute mitgehen. Eine lehrreiche Betrachtung.

Zum Schluss gebe ich bewährte Hits aus Hartmut und ich zum Besten, vor allem für die Kids am letzten Tisch, die “Closeline” szenenweise mitsprechen. Da ich für eine der örtlichen Zeitungen gelegentlich über die lokale Rockszene schreibe, ist mein Chef anwesend und revanchiert sich mit einem Artikel über den Abend. Er schießt von mir Fotos und obwohl ich als Motiv vorschlage, zwischen den Blümchen durch die Anrichte zu linsen, will er doch nur wieder den Klassiker: Buch vor die Brust halten und grinsen wie ein Garnverkäufer. Nach dem Gig ist Schluss, also wirklich Schluss. Ein wenig Geplauder, ein paar Autogramme und dann schlendern Sylvia und ich an Fachwerk und Rosenbüschen vorbei zum Parkplatz der Volksbank, auf dem das Auto steht. Im Berliner Kino oder der Hamburger Werft finge der Abend jetzt erst an und die zeitfressenden drei Ms dieser Welt (“Multiplikatoren”, “Medienschaffende” und “MySpace-Freunde”) würden einen bis drei Uhr nachts um die Häuser zerren. In Lüdinghausen sind zur blauen Stunde schon die Bürgersteige hochgeklappt und die Fledermäuse starten ihren Flug aus den alten Dachstühlen.

So mag ich das, eine Weltpremiere.

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