Tourtagebuch Reloaded – 16.01.2009 Rheine, Tholi

Der Winter ist hart. Dunkler Schmutzschnee klebt an meinen Reifen, als ich zu “Saturday Nights & Sunday Mornings” von den Counting Crows über Autobahn und Landstraßen nach Rheine fahre. “Dunkler Schmutzschnee” ist so ein Begriff, den man in einem experimentellen Gedicht verwenden könnte, die “sch”-Laute sehr feucht ausgesprochen, immer wieder, bis die Galle kommt. “Dunkler Schmutzschnee / Dunkler Schmutzschnee / Dunkler Schmutzschnee…” Am Ende nimmt man dann ein stumpfes Küchenmesser mit weißem Griff und schlitzt sich auf der Bühne die Stirn auf. Im Parkhaus am Thie wähle ich den einzigen Stellplatz, der so unregelmäßig gegossen wurde, dass der Beton wie eine flache Wanne eine tiefe Pfütze beherbergt. “Dunkle Schmutzpfütze”. Das hat gute Zisch-Laute, es ließe sich wieder eine Menge Spucke im Publikum verteilen, aber ich bin weder G.G. Allin noch der Sänger der Spudmonsters. Der hat damals ganz gern ins Publikum gepisst. Mein Gott, waren das noch Zeiten. “Urban Discipline” von Biohazard war gerade erst erschienen und die Menschen durften noch überall rauchen, so dass mir die Galle auch ohne “Dunklen Schmutzschnee mit Schmutzpfützen” regelmäßig hochkam. Heute dürfen sie das nicht mehr, da war die Regierung ganz strikt. Die Regierung will nur unser Bestes. Daher untersagt sie winzigen Spießerkneipen mit braunen Glasbausteinen, in denen tatsächlich alle rauchen wollen und in die Menschen wie ich sich niemals verirren würden, das Rauchen, erlaubt aber weiterhin Werbung im Kino. Im Fernsehen nicht. Bei Formel 1 und Motorradrennen nur manchmal, je nach Abstufung, je nach Land. Bei Restaurants immer dann, wenn ein Raum abtrennbar ist. Qualm ist schließlich so dickflüssig, der kommt durch keine Ritze. Konzertclubs mal so mal so. Bei dem einen Gig genießen Band und Moshpitmehrheit, endlich mal während des Hochleistungssports atmen zu dürfen; beim nächsten heißt es Smoke Blow. Im ehemaligen Kino und heutigen Disco- und Kulturclub Tholi steht “Rauchen erlaubt” im Fenster und ich denke mir: Na, super. Der riesige, muskulöse Wirt qualmt natürlich, weil riesige, muskulöse Wirte das eben so tun. Ich nehme es als höflicher, kleiner Luftatmer hin, freue mich aber, dass er mich fragt, ob er es den Gästen während der Show untersagen soll. Soll er. Ich bin immer noch kränklich von den Viren- und Bronchienwochen nach Silvester. Die Show ist gut. Ich versuche, die dramatische Struktur meiner Notizen und Dias im Griff zu halten und murpe zugleich ständig in den Kurvendrift. Am Ende bringe ich “Always” und “Closeline”, auch zur großen Freude eines Ehepaares, die mich sehr nett auf die Hui-Welt ansprachen, die sie jedem Bekannten weiterempfehlen, weil das zwar auf den ersten Blick aussehe “wie so ein weiteres Männerbuch”, aber dann gelesen doch “mal endlich ganz was Anderes” sei. Das hört der Uschmann sehr gerne. Der Fotograf Jörg Everding lichtet mich dynamisch ab, auf seiner Webseite kleben Greg Graffin und Bela B. im Teaserbild, da ist meinerseits Natursympathie gegeben. Die Stirn ritze ich mir heute nicht auf, expressionistische Lyrik mache ich nicht aus den “Schmutzpfützen”, aber dafür aus der Zeile in “Always”, die da lautet: “Schuld und Schmutz auf mich lud.” Das klingt sehr dramatisch. Feucht und dramatisch. “Schuld und Schmutz auf mich lud”, “Schuld und Schmutz auf mich lud”, “Schuld und Schmutz auf mich lud”… spricht man das immer lauter und betont man das “d”, in dem man nach einem kehligen “u” die Zunge kraftvoll an den Gaumen anschlägt, klingt es fast nach einer Inszenierung des Berliner Ensembles.
Um 0:30 Uhr komme ich in Herbern an, parke den Wagen in der Garage, schalte das Licht ein und beginne mich, in der Kälte der Nacht zu entkleiden. Das tue ich immer nach solchen Auftritten, denn Luftatmer hassen es, wenn ihre Klamotten nach Qualm stinken. Ich kann nicht nach jedem Gig meine Auftrittskleidung waschen. Also stehe ich da, mitten in der Nacht, nackt, mit baumelndem Gehänge, und der Nachbar kommt vorbei. Gassi gehen um 0:45 Uhr, der Hund war unruhig. Er glaubt, er träumt. Das Schwarz der Nacht, erleuchtet durch ein Garagentor mit nacktem Dichter in seinem Zentrum. “Was?”, sage ich, diesmal tatsächlich feucht. “Haben Sie ein Problem mit dem Schmutzschnee?” Hat er nicht. Er schweigt, schluckt und geht zügig weiter. Was soll ich machen? Ich bin Luftatmer.

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