Tourtagebuch Reloaded – 21.01.2009 Chemnitz, Weltecho (Vortrag “Kafka und ich”)

Ich fahre durch den Schnee. 500 Kilometer lege ich zurück, um über Franz Kafka zu sprechen, der mir so vertraut ist wie kaum ein lebendiger Freund. Ich halte einen Vortrag in der ersten Veranstaltung der Reihe “Jews in Winter”, organisiert von der Gruppe GetYourPolis, die in Chemnitz Kulturveranstaltungen und Konzerte veranstaltet und dabei ein Netzwerk der Kleinunternehmen baut. Bands und Autoren schickt man nicht in Hotelketten, sondern in kleine Pensionen wie den Chemnitzer Wecker, gegessen wird bei befreundeten Gastronomen, heute im israelischen Restaurant Schalom, dessen Chef auch Theaterstücke inszeniert und als Journalist arbeitet. Im Weltecho wird heute das koschere Simcha Pils verkauft, während ich mit Dias unseres Prag-Urlaubs im April etwa 50 Leuten den Menschen Franz Kafka und seine virtuose Selbstsabotage nahebringe, seinen Charakter und seine Lebenswelten. Es macht Spaß, ist etwas völlig Neues und öffnet einigen tatsächlich die Türen für eine neue Lektüre. Besonders berührt es mich, dass ein paar Fotos, die Sylvia und ich auf der Prager Burg geschossen haben und die keine besonderen Gebäude, sondern nur bestimmte Konstellationen von Türen, Treppen und Wänden zeigen, einen Zuhörer vollkommen beeindrucken. “Genauso habe ich mir das beim Lesen vorgestellt”, sagt er, “und du zeigst uns jetzt, dass es auf dem Hradschin tatsächlich so aussieht.” Es ist also auch für ihn faszinierend zu sehen, dass sich der häufig ätherisch überhöhte Kafka ganz konkrete Orte und Stimmungen zur Inspiration nahm, die er mit den eigenen Füßen erwandert hatte.
Auf der Hinfahrt sowie im Pensionszimmer merke ich wieder einmal, was ich mit Franz Kafka teile. Obschon ich bürgerlich lebe, in der Vorstadt unseren Garten pflege, Steuern zahle und das Auto wasche, stehe ich doch immer wieder in vollkommener Verwirrung vor dem Geschehen dieser Welt. Ich höre im Radio, dass nach irgendeiner Reform die Jugendämter ab sofort handfeste Beweise brauchen, bevor sie einer Familie das Kind wegnehmen dürfen. “Denunzationen” von Nachbarn reichen nicht mehr aus. Ferner darf das Jugendamt einer Stadt, in die ein problematischer Jugendlicher umgezogen ist, nun Informationen vom Amt der alten Stadt erhalten. Aha. Das heißt also, bisher reichten schon “Denunzationen” ohne Beweise. Das heißt, bisher hatte das neue Amt nicht das Recht, zu erfahren, ob ihr Neuzugang in seiner alten Heimat nur Kaugummi geklaut oder doch versucht hat, den Kioskbesitzer zu erschlagen und zu grillen. In einer Bundestagsdebatte im Pensionszimmer reden die Politiker über irgendeine Reform zum Bürokratieabbau. Das Paket enthält so revolutionäre Maßnahmen wie die “Abschaffung der Automatenmeldepflicht” für die Gastronomie und ist auf fünf Jahre angelegt, damit man als Regierung die Schuld von sich weisen kann, wenn es nach vier Jahren von einer neuen Führung wieder gekippt wird. Man schafft also ein paar Gesetze ab, die es nie hätte geben müssen. Die Grünen finden das “zu kurz gesprungen”, die Linke fordert kostenfreien und klassenlosen Gesetzesabbau für alle. Bei “Hier und Heute” im WDR begleitet eine Reporterin ein paar Jäger bei der Jagd und kommentiert das Morden in jenem unausweichlich freundlichen Plauderton, der zur totalitären Tonalität aller Medien geworden ist. Es ist die sprachliche Entsprechung zum lächelnd devoten Nicken eines Interviewers, der seinem Gegenüber niemals eine offensive Frage stellen würde, weil er stinkfroh ist, diesen privilegierten Job überhaupt zu haben. “Beim Gespräch zeigt sich Mister X freundlich und ausgeruht”, steht dann im Teaser und was eigentlich da steht, lautet: “Seht her, Zeitungsleser, was ich für ein geiler Hecht bin. Ich darf all diese Leute treffen und ihr nicht. Ätsch!” Der Jäger in der Reportage jedenfalls erzählt der Reporterin im Unterholz, wie intelligent das Wild geworden ist und dass es sich teilweise in abgebrochenen Baumkronen oder anderen Deckungen am Boden verbirgt, dort wartet, bis die Treiber vorbei sind und dann hinter der Angriffslinie heraus springt und entkommt. “Ich finde das gut”, sagt der Jäger, “so hat das Wild eine reale Chance. Ich sehe das sportlich.” Als er das sagt, möchte ich ihm seine Klamotten vom Leib reißen, 100 Verrückte mit Gewehren engagieren, die sich für “Übermenschen” halten und der Überzeugung sind, dass der Jäger eine niedere Lebensform ist, die man als Ragout servieren darf, und ihn dann als Gejagter in den Wald schicken. Mal sehen, wie “sportlich” er das Ganze dann noch findet.
Irritation, Emotion, Drama und viele, viele Gedanken bestimmen bis kurz vor Mitternacht auch das Konzert von Daniel Kahn & The Painted Bird, die nach meinem Vortrag spielen. Ein jüdisches Quartett, dass die traditionelle Klezmer-Musik im Geiste des Punk, des epischen Theaters und durchaus auch im Geiste des Tom Waits interpretiert. Sie spielen Kurt Weills Ballade vom Fressen, das vor der Moral kommt oder alte Arbeiterlieder aus dem Jahre 1915. Sie kündigen “eine musikalische Dialektik” an und intonieren zunächst “Küsst die Faschisten” von Kurt Tucholsky als eine mögliche Lösung des Problems und daraufhin “Six Million Germans”, einen Song, der auf dem wahren Plan eines jüdischen Attentäters basiert, der nach dem Krieg “Auge um Auge” mittels Grundwasservergiftung sechs Millionen Deutsche killen wollte. Es ist faszinierend und charismatisch, wie diese Musik aus Schlagzeug, Kontrabass und Klarinette wuchtig durch den Raum wogt und ein Song wie “Dumai” das “Erlebnis der Staatenlosigkeit” so formuliert, dass er für die damalige Situation der Juden wie für die heutige Lage der Palästinenser zugleich gelten kann. Für “Parasites” muss ich Daniel, bei dem ich als erster nach dem Gig eine CD erstehe, besonders loben, denn diese Nummer fasst den Ablauf des Fressens und Gefressenwerdens unter Insekten in derart virtuose Verse, dass selbst Greg Graffin als mein Lieblingspoet der Evolutionsbiologie blass würde. Die Band schafft es mit ihren narrativen Stücken, sowohl emotional ein großes Drama zu inszenieren, als auch beim Zuhörer 1000 Gedanken in Gang zu bringen, über das Leben, die Gesellschaft und das politische Dilemma. Insofern ist ihre an Brecht angelehnte Selbstbeschreibung “Verfremdungsklezmer” durchaus treffend. Hartmut würde das gefallen. Kafka auch.
Im Hotelzimmer mache ich den Fernseher an und sehe Mausi Lugner, wie sie soeben aus dem Dschungelcamp entlassen wurde und ihrer Freundin beim Glas Sekt auf der Parkbank erzählt, sie habe da drinnen sehr viel Respekt vor den Tieren gelernt. Währenddessen frisst sie ein fettiges Brathähnchen.

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