Tourtagebuch Reloaded – 22.01.2009 Marl, Stadtbibliothek

Der Weg vom Chemnitz nach Marl ist lang. Sehr lang. Man hat Zeit, nachzudenken. Zu beobachten. Den Schnee an Waldhängen. Die Eisschollen, die sich von den Planen fahrender LKWs lösen und hinter ihnen auf der Straße zerschellen. Die Angst, die urplötzlich in die Augen der Autofahrer schießt, die Eisschollensplitter auf sich zufliegen sehen und eben noch an ihre Geliebte gedacht haben. Nachdem ich drei Mal den Eisschollen ausgewichen und somit ermüdet bin, sehe ich auf einem Schild den Ortsnamen “Knüllwald” und fahre spontan ab. Ich halte auf einem Schotterparkplatz vor einem rustikalen Gasthof. Geschmolzenes Eis hat sich in kleinen, schmutzigen Seen zwischen den Schottersteinen verteilt. Ich stelle mir vor, ich sei ein Riese und stünde im zerbombten Deutschland, die Schottersteine alles Haustrümmer mit winzigen Wegen dazwischen. Die Wege geflutet von einer Naturkatastrophe, die wir Menschen verursacht haben. Als Mensch muss man sich unablässig geißeln; so will es das schlechte Gewissen und die EU-Kommission. “Gerechtigkeit bedeutet Bürokratie” hat gestern noch ein SPD-Abgeordneter im Fernsehen gesagt. Ich möchte in den Wald gehen und dabei etwas in der Hand halten, ohne es im Rasthof kaufen zu müssen. Ich wünsche mir, es gäbe wild aufgestellte Getränke- und Imbissautomaten, so wie es Zigarettenautomaten für Raucher gibt. Hinter einem Rhododendronbusch nahe des Gasthofs erscheint ein Getränkeautomat. Ich stutze, gehe hin, ziehe mir eine heiße Tomatensuppe mit Croutons und betrete mit dem Becher den Wald. Nach zehn Minuten raschelt es rechts neben mir im Unterholz. Ich sehe schnell genug hin, um das kleine Wesen zu bemerken, das seinen Kopf hinter einem toten, bepilzten Baumstamm hervorgestreckt hat. Es ist ungefähr so groß wie ein Fußball aus Fell, aus dem zwei dünne Beinchen heraus wachsen. Seine Hände haben vier Finger und sind geformt wie Klauen. Es hat eine Stupsnase, einen leichten Überbiss und intelligente, funkelnde Augen. “Ich habe Dich gesehen”, sage ich. Es wartet. Ich höre ein Seufzen. Dann zeigt es sich. “Iss das nicht”, sagt es. “Es ist künstlich. Es wird dich künstlich machen.” Ich sehe das Wesen an. Ein Knäuel. Ein Knäuelmännchen aus dem Knüllwald. “Wie heißt Du?”, frage ich. “Jakob”, antwortet der Knäuelmann. Ich ziehe eine Schnute und runzele die Stirn. “Jakob”, sage ich, “mein digitaler Satellitenempfänger kennt mittlerweile 647 Fernsehsender, die 24 Stunden lang senden. Warum hat noch niemand über die Bewohner des Knüllwalds berichtet?”
“Weil niemand in die Provinz kommt. Es sei denn, ein Triebtäter vergräbt hier ein kleines Kind.”
“Bin ich der Erste, der euch je entdeckt hat?”
“Ja”, sagt Jakob, doch er zittert sofort und quietscht vor Schmerz, als hätte er einen Krampf. Sein Gesicht beginnt, sich nach innen zu stülpen. Es sieht erschreckend aus. “Okay, okay”, bringt er hervor, “du bist nicht der Erste!” Sein Gesicht wölbt sich wieder nach außen.
“Was war das denn?”, frage ich.
“Wenn wir lügen, stülpen wir uns auf links.”
“Warum denn das?”
“Damit wir gezwungen sind, tief in uns hinein zu blicken und unser Verhalten zu überdenken. Das haben SIE sich so ausgedacht.”
“Wer sind SIE?”, frage ich.
Jakob wird unruhig. Schweiß entsteht unter seinem Fell und wandert in einzelnen Tropfen von den Haarwurzeln bis an die Spitzen. Er darf es wohl nicht sagen. Er sieht mich noch einmal an, als könne ich ihm helfen, wenn er nur reden dürfte, und springt dann schnell ins Unterholz davon, einen langen, dünnen Schwanz mit runder Fellspitze hinter sich herziehend.

Am Abend blicke ich auf der Bühne der Stadtbibliothek Marl in aufmerksame Gesichter aus allen Alters- und Typengruppen. Ich gestalte den Abend noch übermütiger, spontaner und improvisierter als sonst, was nach meinem Erlebnis im Knüllwald kein Wunder ist. Ein Zuhörer fragt, was die Rapille sei. Ein anderer erzählt anlässlich meiner nostalgischen Bemerkungen während der Show, er habe seine Magisterarbeit nicht nur ohne Internet, sondern noch auf einer Reiseschreibmaschine verfasst. Der Hausmeister berichtet von seinen Gesellenbriefen und seinem Hund, der ihn um 2:30 Uhr nachts wegen einer Katze auf dem Grundstück aus dem Bett geworfen hat. Der Zuhörer mit der Rapille sagt: “Ich wollte dich Ostermontag anrufen!”
“Warum Ostermontag?”, frage ich.
“Da hatte ich Wandelgermanen durch und wollte wissen, was die Rapille ist.”
“Sieh einer an”, sage ich.
“Ich war dann zu faul”, sagt der Zuhörer.
“Sehen Sie”, sage ich zu Herrn Langowski, dem Veranstalter, “man kann mich einfach so anrufen.”
“Das ist sehr gut, Herr Uschmann”, sagt Herr Langowski.
Ich spende der Bibliothek ein Voll beschäftigt-Hörbuch, packe das Auto, rufe Sylvia an und sage “Hibbeli” und “Habbelo”. Es ist ein guter Tag.

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