Tourtagebuch Reloaded – 25.01.2009 Kiel, Cafe Exlex

Die Gäste malen. Während die Bilder aus Caterinas “Kunstpause” auf eine Leinwand neben meinem Stehtisch projiziert werden, Gläser klimpern und ich ohne Mikrofon eine ausgelassene MURP!-Show präsentiere, malen sie. Mit Buntstiften auf kleine, feste Pappen. Veranstalter Jens sammelt die Bilder in der Pause zusammen und ich betrachte sie in der Küche des Cafés, gerührt und glücklich. Man sieht mich im Café Exlex an meinem Vorlesetisch. Man sieht das schiefe Haus der Hohenlohe, eine große Irmtraut auf der Landstraße davor und erschossene Waldfrontsoldaten am Waldrand in der Ferne. Die Gäste kennen die Bücher bis in den letzten Grashalm und Jens zaubert diese Zuneigung hervor, indem er das Café für diesen einen Abend in eine Raststätte der “Kunstpause” verwandelt. Sogar einen “Space Invaders”-Automaten wollte er besorgen, den gab es aber nicht mehr. Jens ist einfach wunderbar. Weil ich murpig bin, ändere ich erneut das Programm, beende den “MURP!”-Teil mit dem Stau und hänge als erste Zugabe die Geschichte “Die unbewegte Frau” an, die ich noch niemals live präsentiert habe und die es nur auf hartmut-und-ich.de zu lesen gibt. Ich bin selbst erstaunt über die Pointendichte dieser alten Story, in der WG-Freund Jörgen eine “normale” Frau sucht und sie in einer Welt der Echsenzüchterinnen und Bungeespringerinnen nicht mehr findet. Die Leute kriegen Atemnot vor Lachen, es sind Erstickungsanfälle zu beobachten. Luftnot ist für einen Humoristen immer ein Lob. In der Pause und nach der Show rede ich sehr lange mit einem Zuhörer, der nicht nur die Erfahrung teilt, dass meine filmischen wie musikalischen 90er-Generationserfahrungen langsam aussterben, sondern am hartmutesken Humor auch schätzt, “dass hier den ganzen Abend echte Themen angesprochen wurden.” Er ist auf Hartz, spricht und schreibt fließend Chinesisch, wird trotzdem niemals von der Arbeitsagentur vermittelt und berichtet anlässlich all meiner Bemerkungen während der Show von seinen Erfahrungen mit der Beamtenwillkür, seinen Versuchen, als Plattenhändler und Musiker wieder Fuß zu fassen sowie von den Kieler Poetry-Slam-Organisatoren, die eine tolle Wortgewalten-Bühne sowie ein Literaturtelefon eingerichtet haben, bei dem man einfach anrufen und fünf Minuten gratis einem Buchausschnitt lauschen kann. In der Wanne zum Beispiel. Eine Journalistin der Kieler Nachrichten stellt mir Fragen, die Hand, Fuß und Kopf haben und philosophiert über das Murpen so, wie es nur jemand kann, der das Wort des Hartmut tatsächlich vernahm. Die Radiomacher bei Radio Schleswig-Holstein sind am nächsten Vormittag ebenso eifrig. Moderatorin Tanja Puttfarcken liebt Geist und Absicht des MURP! und ihr aus Westfalen stammender Kollege, der mit einer Videokamera die einstündige Livesendung für die Webseite abfilmt, ist Hui-Fan der ersten Stunde. Ich fühle mich so willkommen, so sehr verstanden, es ist großartig. Außerdem bewundere ich die Radiomacher immer wieder für ihre Präzision in Sprache und Timing. Für ihr gesprochenes Lächeln, das den Tag dann erhellen kann, wenn es echt ist. In dieser Sendung war es das. Die Taxifahrerin, die mich daraufhin zum Bahnhof bringt, hat die Sendung gehört und bestätigt die im Roman getätigte Einschätzung, dass die Männer nichts mehr tun und die Frauen das Heft in die Hand nehmen müssen. “Ich habe sogar einen gelernten Schlosser zu Hause”, erzählt sie, “aber wenn mal im Haus was kaputt ist, muss ich das machen. Mein Mann könnte es, aber bis er überhaupt erst damit anfängt, habe ich es schon drei Mal getan.” Das hat sich in meiner Generation geändert. Hier könnte es der Mann nicht mal mehr, selbst wenn er wollte. Die Rückfahrt findet ohne Umstieg in einem ICE statt, was mich sehr erleichtert. Auf der Hinfahrt musste ich schließlich im Regionalexpress von Hamburg nach Kiel eine Gruppe restalkoholisierter Bürofachangestellter ertragen, die ein Wochenende auf der Reeperbahn hinter sich hatten. Die Stimme ihrer Anführerin klang so, als würde man mit einem großen Schraubenzieher immer wieder in ein voll aufgedrehtes Megaphon hineinstechen. Sie teilte dem ganzen Waggon mit, wie spät sie jede Nacht ins Bett gekommen sei und wem sie alles die Zunge in den Hals gesteckt hatte. Sprach sie mal nicht, sang sie “Allein, Allein, Alleine Sein!” und das halbwegs ätherische Liedchen von Polarkreis 18 verwandelte sich in einen Karnevalskracher für abgehärtete Kehlen, die am Wochenende Schnaps aus kleinen Glasfläschchen trinken, die wir Spermien aussehen. Das sind dann die Momente, in denen man “dem Volk” nicht mehr aus dem Herzen sprechen will.

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