Tourtagebuch Reloaded – 07.02.2009 Bremen, Kulturzentrum Schlachthof (Magazinboden)

Ich brauche Ankerpunkte. Beim Auftritt, im Hotelzimmer, im Zug, überall. Im Zug ankere ich im Bordrestaurant. Ein Tisch, eine Tasse, ein Haufen Blätter, ein Buch und den Stift in der Hand. Sich  mit dem linken Ellbogen auf die Platte lehnen, mit der rechten Hand den Stift in den Mund stecken, daran kauen und nach zehn Minuten wieder etwas notieren, unangesprochen von anderen, vertieft in Inhalte und doch leicht exzentrisch in der gelehrsamen Pose. Im Hotelzimmer ankere ich am Schreibtisch, im Bett und im Bad, wenn es mir dazu die Möglichkeit bietet. So brauche ich zum Beispiel einen offenen Papierkorb rechts unten unter dem Schreibtisch, vier handbreit von meinem rechten Fuß. Ich muss mit der rechten Hand problemfrei und stufenlos meinen Unrat in einen offenen Eimer werfen können, sonst werde ich ganz schnell unleidlich. Am unleidlichsten werde ich, wenn es gar keinen Papierkorb gibt und ich das Mülleimerchen aus dem Bad unter den Schreibtisch stellen muss.  Mülleimerchen aus Bädern haben meistens runde Schwingdeckel, eine Erfindung des Teufels. Ich muss einen Freiwurf machen können. Und am Bett brauche ich die Bibel. Oder “Die Lehren Buddhas”, wie sie heute in Bremen im Best Western ausliegt.
Mein Ankerpunkt bei der Show im Schlachthof ist ein Ehepaar in der Mitte der Bestuhlung, zwei sehr nette Leute, die sich bei den Gags um Beziehungen, um Bildung, um Bastlermänner oder um Merkels zukünftigen “Prepaid Opel” derartig lautstark und gut amüsieren, dass sie mich zu so hohen Leistungen auf der Bühne anstacheln, wie Pjotr Trochowski sie am Nachmittag noch auf dem Fußballplatz zustande brachte. Der Mann beteiligt sich sogar, macht Bemerkungen und führt mit mir kleine, launige Dialoge über Nostalgie, alte Rechner und Schreibmaschinen. Auch ein paar Nebeninseln gibt es im Publikum, kleinere Ankerpunkte gezielten Gelächters und Amusements; jener Art von Reaktion, die einem das Gefühl gibt: Die lachen nicht dreckig und für den kurzen Gebrauch, die lachen so wie Menschen, die mit der Gewissheit nach Hause gehen, etwas Gutes gehört zu haben. Dazu passt, dass ich das Merchandise endlich so präsentieren kann, wie es der Hui-Welt gebührt. Sylvia hat mir aus einem Werkzeugkasten von Hagebau mittels beklebtem Inlay aus Styropor, Kunstgras und Dekomaterialien ein ultrastabiles und doch sommerleichtes Osternest gebaut, in welchem alle Sachen einen idyllischen Platz finden. Sogar die zwei Gummispinnen, die ich seit Kiel 2008 immer dabei habe, hocken dort im Nest. Ein Schaukasten, den ich nur noch aufklappen muss statt wie bisher zwei, drei einzelne Taschen, mit denen ich durch die Bahnhöfe und Parkhäuser schwanke. Und dazu die metaphorische Bedeutung: Der Autor kommt mit seinem Werkzeugkasten, er macht Literatur fürs Leben. Noch ein Ankerpunkt. Ich fühle mich sicher.

Im Zug wurde ich übrigens meines Raumes beraubt. Zwischen Osnabrück und Bremen setzte sich ein italienisch sprechender Rumäne mit Kopfwunde an meinen Tisch, trank Wein von der Bordtheke, zog seine Schuhe aus, in denen sich durchgelaufene, zerlöcherte Socken verbargen und beschäftigte sich damit, nach Schweiß zu riechen und zum Wein eine Packung umhüllte Erdnüsse so unästhetisch zu essen, wie es nicht mal ein Soldat im Schützengraben in Eile tun würde. Währenddessen sprach er ohne Unterlass die Sitznachbarn an, zwei laute Mittdreißiger, die ihre Männerfreundschaft im Bordrestaurant pflegen und sich anscheinend alle zwei Monate zwischen Osnabrück und Bremen das Wichtigste erzählen, ohne belauscht werden zu können. Ich, meines Ankertisches beraubt, aber zu zurückhaltend, um aufzustehen, schrumpfte auf fünf Millimeter Größe, kroch in mein Buch und versteckte mich dort zwischen den Buchstaben, bis das Nahen von Bremen mir Grund genug gab, wieder auf Menschengröße zu wachsen und den Zug verlassen zu können. Der Rumäne verabschiedete mich mit einem Lächeln so hell, als hätte ich die ganze Zeit mit ihm gesprochen und seine Probleme gelöst, ein Lächeln, das einen Schlagschatten auf meine unsoziale, sich in Buchstaben verkriechende Seele warf. Zehn Minuten später wollte mich mein Zimmer im Hotel nicht hereinlassen; immerfort steckte ich die Schlüsselkarte erfolglos in den Schlitz. Ein Mann kam vorbei, ebenfalls nicht deutscher Herkunft. Ich sagte: “Sorry, wissen Sie…”, doch bevor ich weiterreden konnte, war er schon vorüber, grummelte nur, beachtete mich kaum, als sei ich ein Geist, dessen Präsenz man nur wie einen kühlen Hauch spüren kann. Geschockt vom Gefühl, ignoriert zu werden, krächzte ich dem Mann, der wie ein dunkler Punkt am Ende des langen Flurs verschwand, nur noch ein leises “Rein? Raus?” hinterher, eine vollkommen zwecklose Äußerung, die sich aus meinem Mund wie aus einem Zerstäuber folgenlos in der Flurluft verteilte. Dann blinkte das Licht im Türschloss…

This entry was posted in Tourtagebuch 2009 and tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.