Tourtagebuch Reloaded – 15.10.2006 Gütersloh, Weberei

Man sollte jede Woche ein Mal nach Gütersloh fahren. Die Landstraßen, die dort hinführen, sind außerordentlich idyllisch. Selten habe ich zudem neben Wiesen, Weiden und rustikalen, schiefen Bäumen so viele Landgasthöfe gesehen. Man sollte dekadent sein und das Spiel “B61 aufessen” spielen, also bei jedem Gasthof anhalten, drei Wochen lang, und überall die Speisekarte durchprobieren.

Die Weberei ist ein großes Kulturforum, neben ihr ein Kino, in dem zur Zeit (natürlich) Al Gores Öko-Warnfilm läuft und in ihr ein Café, das dem des Bahnhofs Langendreer in Bochum ähnelt. Ich werde nett empfangen und habe erstmals eine echte, eigene Garderobe mit Lampenspiegel. Der Rest ist angemessen runtergerockt, aber es gibt eine Dusche und man kann die Tür zum Flur zumachen, während eine zweite direkt auf die Bühne führt. Genauso darf ein Backstage aussehen, das fühlt sich gut an. Ich lasse um 20:10 Uhr als Einmarschmusik laut “Pure Vernunft darf niemals siegen” von Tocotronic laufen, da mit diesem Lied auch das Hörbuch zu Voll beschäftigt beginnt und betrete die Bühne. Es gibt Brötchen und Kaffee und Pizza, in der Pause quassele ich mit nettem Publikum und zur Pizza in der Garderobe lese ich im Uncle Sallys, was Claus Grabke heutzutage jungen Bands empfiehlt. Wieder läuft die Sache rund, ich bastele die Gesamtgeschichte des Romans aus Auszügen zusammen, wandere mit den Leuten durch die Leinwand-WG und tue, was ich schon seit geraumer Zeit ausbaue: Ich erzähle einfach so zwischendrin. Berichte von Dingen, die mir gerade einfallen, wundere mich, wie viel einem überhaupt einfach so einfallen kann und plaudere von meiner alten Band, die ein Ort weiter in Herzebrock ihr einziges “offizielles” Konzert im Vorprogramm der Kafkas hatte. Ich rege mich auf über Zeitphänomene und meine Generation und zwar genauso, wie ich es auch daheim oder im Flur der Visions-Redaktion tue. Authentisch, sozusagen (au, das verbotene Wort!). Es macht riesig Freude und ist witzig. Am Büchertisch verteile ich Gratismagazine und selbstgemachte Hartmut-Marmelade und bekomme dafür Komplimente.

Der Rückweg fühlt sich wie Winter an. Das Auto ist bereits beschlagen, die Dunkelheit dunkler als sonst. Es wird Winter. Auf der Landstraße kommt mir ein Kleinbus mit David Caruso und Dog Eat Dog entgegen.

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