Tourtagebuch Reloaded – 14.02.2009 Wiesbaden, Kulturpalast

“Alle vier Wochen sieht man ihn bei Spiegel TV”, palavere ich auf der Bühne des Wiesbadener Kulturpalastes gegen 21:45 Uhr vor sehr amüsierten Gästen, “den Arschlochkind-Darsteller. Spielt 16 Stunden am Tag ‘World of Warcraft’ und wenn die Mutter reinkommt, brüllt er: ‘Leckmichamarschlassmichinruhe! Der ist aus der gleichen Darstellerkartei wie die Problemkinder, die ihre Eltern verprügeln und dann zur Belohnung einen Wildwesturlaub spendiert bekommen!”
Ja, man kann sagen, ich bin heute polemisch. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Sind es die Besoffenen Äpfel? Ist es das eine Dunkelbier, das aus dem Weißbierglas zu trinken ich zu blöd bin und das mich beim Zurückschwappen der Flüssigkeit über den kritischen Wölbungspunkt hinaus keck bespritzt? Ist es die Karnevalsgesellschaft, die im städtischen Festsaal nebenan feiert und so laut ist, dass meine MURP!-Show heute Abend ohnehin aus vollerer Kehle kommen muss? Jedenfalls: Ich bin gut drauf. Übermütig. Ich schweife ab, finde gar kein Ende mehr mit den Abschweifungen. Rede wie ein Stammtischbruder mit Indierock- und Germanistik-Erfahrung, ein Rowdy der Erkenntnis, der so lange durch die Sümpfe der Differenzierung gepflügt ist, dass er am Ende wieder guten Gewissens zuspitzen kann. Im zweiten Teil der Show bilde ich rhetorische Häppchen. Uschmann über Katzen. Uschmann über Männer. Uschmann mit “Always” und mit “Closeline”, seinen populärsten Kurzgeschichten, zum Schluss wie die Ruhe nach dem Sturm Uschmann mit “Der Regenpavillon”. Die Häppchenstrategie ist gewollt, denn heute durfte ich sagen, was sonst nur meine Lieblingsbands ein oder zwei Mal im Leben sagen können: “Ladies and Gentlemen, we’re recording a live record tonight!” Jürgen und Patricia von Pixelfreestyle machen Fotos und drehen einen Film, drei Kameras sind auf mich gerichtet, es ist durchaus aufregend, ich begrüße zwischendrin das “YouTube-Publikum”, jene undifferenzierbare Masse, die durchaus auch den Arschlochkind-Darsteller enthalten kann, jenen hochtalentierten Schauspieler, der in Wirklichkeit wahrscheinlich Schiller liest und im BordRestaurant Rotwein trinkt, während die wahren WoW-Süchtigen ganz anders aussehen. In jedem Fall wird er unanstrengender sein als der Studienrat, der auf der Hinfahrt hinter mir in besagtem ICE-Abteil saß und den Kellner wegen des Mangels an vegetarischen Gerichten in einem so schnöseligen und passiv-aggressiven Tonfall anging, als hätte der arme Mann persönlich Polen überfallen. Der reagierte mit der gemütlich und selbstsicher vorgetragenen Äußerung: “Hoho, ich esse auch gern vegetarisch… so lange noch ein gutes Stück Fleisch dabei ist!” Mein Gemüse ist zwar Gemüse, aber meine Moral ist nicht Moralismus. Insofern ballte ich die Faust unter dem Tisch, machte die “Säge” nach Becker und dachte mir: “Danke, Kellner, 1:0 für Dich!”

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