Tourtagebuch Reloaded – 03.03.2009 Kassel, Buchhandlung Bräutigam

Irgendwie kommt mir alles bekannt vor, als ich an der kleinen Empfangstheke des Hotels stehe und die Betreiberin mich mit einem Gesichtsausdruck empfängt, der sagt: “Schön, dass Sie wieder da sind!” Es ist bereits 18:45 Uhr, um sieben möchte ich in der Buchhandlung sein. Ein Seitenblick in den Frühstücksraum. Ich habe das Gesicht von Nagel vor Augen, Sänger von Muff Potter. Auf der Zunge schmecke ich den Filz von Vornachtswhiskey. Als ich das Zimmer im ersten Stock aufschließe, begreife ich: Hier war ich tatsächlich schon mal. Auf der Mini-Tournee mit Nagel und Linus Volkmann im Sommer 2007 gastierten wir in diesen Zimmern und das wortwörtlich. Ich habe exakt das gleiche Zimmer wie vor zwei Jahren. Das gleiche Hotel mit dem gleichen Zimmer. Es ist unheimlich, es fühlt sich an, als hätte ich diesen Raum nie wirklich verlassen, als hätte er mich lediglich für 20 Monate losgelassen und nun wieder angesaugt wie ein Ventilatorschacht eine flüchtende Fliege.

In der Buchhandlung Bräutigam habe ich ebenfalls schon mal gelesen, auch 2007, nachts nach der Lesung ging es zur Leipziger Buchmesse weiter. Heute Abend ist mit Dieter Hildebrandt ultraharte Konkurrenz in der Stadt und Gerrit Bräutigams Stammgäste haben sich mehrheitlich für die Kabarettistenlegende und gegen Uschmann entschieden. Die 20 Leute, die da sind, haben Spaß mit mir in der Wohnzimmeratmosphäre und ich lese ihnen zur Belohnung das selten gelesene “Bärenklau”, was dazu führt, dass ihre Lachtränen wild und salzig die Schutzfolien von Uwe Tellkamp und Peter Handke benetzen.

Die Nacht über bin ich wach, da mir Dinge einfallen, die ich in den Laptop hacken und mit dem Kuli in Papier drücken muss, bis mein Fingerkuppenblut die Tasten und den Tisch verklebt. Skizzen für zwei neue Bücher entstehen in dem Zimmer, das mich nicht loslassen will und im Badezimmer flüstert es aus dem uralten, dreckigen, gar nicht an den Strom angeschlossenen Heizlüfter die ganze Zeit: “Ooooooliveeeeeeer… Ooooooooliveeeeeeer…” Als die Sonne aufgeht, reiße ich meine Sachen aus der Ecke, frühstücke hastig um 6:30 Uhr unter Bauarbeitern und erfolglosen Vertretern und verlasse schnell die Stadt. Das Zimmer streckt seine hageren Finger nach mir aus, doch als ich auf der Autobahn die 150 km/h überschreite, lässt es mit knackenden Knöcheln los. Im CD-Player brüllt Steven van Till mit Neurosis: “Your cup is empty and you are running out of time/ caving your head in, don’t dare to dream it will implode.”

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