Tourtagebuch Reloaded – 04.03.2009 Bielefeld, Forum

Die Detmolder Straße ist in eine Richtung komplett gesperrt. Der Beton ist aufgerissen, die Straße wird verbreitert. In einem verwilderten Garten haben die letzten wehrsamen Bürger ein Plakat gemalt: “Kein Radweg mehr, dafür zwei neue Spuren = mehr Lärm.” Die Vorhänge der Protestierenden sind quittegelb, vor einer verrosteten Bank steht eine Gießkanne, deren Plastik sofort zerfallen würde, nähme man sie in die Hand. Das Haus links von mir ist ähnlich heruntergekommen. Man will keinen Fuß hinter diese Fenster setzen. In den Leib dieses Gebäudes einzudringen ist das Unheimlichste, das ich mir vorstellen kann. Im Hinterhof sehe ich eine riesige, 20 Meter hohe Kiefer. Sie steht voll im Saft, hat kräftig Farbe, sie ist das einzig Hoffnungsvolle in der ganzen Gegend; würde ich hier leben, ich würde mich täglich unter ihre Krone setzen, mich zusammenkauern, den Duft riechen und versuchen, zu vergessen. Ich wohne heute in der Nummer 314, ein rechteckiges flaches Etap-Hotel hinter einer Filiale des Burger King. Hundertprozentige Motel-Ästhetik, Bukowski und Edward Hopper. Gleichzeitig mit mir checken rund 45 sächselnde Ostdeutsche ein. Jogginganzüge, Plastiktüten, Bierpaletten, Tätowierungen, ein Mädchen trägt eine Jacke von Lonsdale und hat rund 50 Piercings allein im Gesicht. Ich warte und ertappe mich dabei, mir zu denken: “Was für Proleten.” Dann sehe ich an mir selbst hinab und stelle mir vor, ich beobachtete mich als Fremder. Schwarzer Kapuzenpullover mit Ruhrpottsymbol, in seinen Fasern tausend Katzenhaare und ein kleiner Brocken Ohrenschmalz. Schwarze Ringe unter den Augen wie von Tagen des Suff. In der rechten Hand was? Eine Plastiktüte! Auf dem Kopf keine Haare mehr, nur am Kinn, und mit welcher Musik bin ich im alten 190er-Mercedes gleich noch gerade eben auf den Parkplatz gerumpelt, das Fenster halb offen? Ice Cube, motherfucker! Westcoast to the fullest! So sieht’s nämlich aus.
Wir sind Proleten.
Ich meine das positiv, im Sinne von Anpackern, Kulturarbeiter mit Malocherfleißherz.
Und mit “wir” meine ich mich und Alex Amsterdam, mit dem ich mir heute wieder die Bühne teile. Alex produziert seine Alben selbst und spielt mit seinem Keyboarder mittlerweile über 100 Konzerte pro Jahr, die er alle selber bucht. Zuletzt spielten sie spontan in Schulen vor verängstigten Kindern, in Görlitz an der polnischen Grenze, wo die Veranstalter dazu raten, das Auto besser ganz mit aufs Hotelzimmer zu nehmen und in Kroatien, wo der Pennplatz im klirrend kalten Januar weder Heizung noch fließendes Wasser hatte. Seine neue EP “The Die Is Cast” wird er demnächst für nur einen Euro anbieten und mit den Gesetzen der Indie-Hipness hat er ungefähr so viel zu tun wie Jürgen Kohler mit dem brasilianischen Karneval. Ich liebe das. Ich liebe es auch, im Forum so rotzig und abseitig zu lesen, wie es mir möglich ist und zum dritten Mal live die Geschichte “Bärenklau” zu bringen, nachdem mich der Mischer des Hauses, der ferner Chiropraktiker, Kampfsportler, Yogatrainer und Fitnessstudiobetreiber ist vor der Show auf faszinierende Art und Weise eingerenkt hat, so dass die Knochen in meiner verbogenen Wirbelsäule erleichtert knackten. Allein er ist ein Grund, immer wieder in diesen Laden zurückzukommen, mal ganz abgesehen davon, dass er bereits die “No Control”-Tour von Bad Religion gemischt hat, als ich gerade mal aus dem M.A.S.K.-Alter herausgewachsen war.
In der Nacht hocken zwei der tätowierten Ostdeutschen rauchend unter dem Vordach des Etap, während ich eine vegetarische Tüte vom Burger King Richtung Eingang schleppe. “Na?”, fragen sie, “alles hart im Schritt?”
Ich stelle die Tüte auf ihrem Plastiktisch ab, ziehe den Zettel mit dem Türcode aus der Hosentasche, rotze auf den Rasen rechts neben der Tür, tippe den Code ein, nehme wieder die Tüte und sage – die Hand an der Klinke – mit der sonoren Stimme des Eiswürfels aus den Ghettos von Los Angeles, nur noch einen Seitenblick auf sie werfend: “I beat your bad ass!” Dann gehe ich hinein und drehe mich – obwohl sie mir leicht folgen und mich von hinten niederstechen könnten – bis zur Zimmertür nicht ein einziges Mal um.

This entry was posted in Tourtagebuch 2009 and tagged , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.