Tourtagebuch Reloaded – 05.03.2009 Osnabrück, Glanz & Gloria

Sind die Fahrten zwischen zwei Städten kurz, sind Tourneetage wie kleine Adventures. Man lernt einen anderen Blick auf Orte. Wo kriege ich was zu essen? Wo finde ich ein Klo? Wo ist ein warmes Plätzchen zum Arbeiten für mich? Den Weg von Bielefeld nach Osnabrück lege ich fast vollständig auf Landstraßen zurück und halte, weil es mich überkommt, auf einem kleinen Parkplatz in Halle (Westfalen). Das Städtchen ist alt und muckelig, um eine Kirche herum sammeln sich Fachwerkhäuser, wie ich es von meinem Heimatdorf Herbern oder vom historischen Kern der Stadt Werne kenne. Das Amigaspiel “Lure Of The Temptress” kommt mir in den Sinn, doch ich habe zuviel Druck für Kontemplation, denn ich muss Pipi. In einem Marktkauf dringe ich in den Personalbereich vor, nutze das Klo und schleiche mich wieder hinaus. Im Treppenhaus hängt ein Aufkleber der Gewerkschaft auf dem steht: “Woche ohne Ende? Stoppt den Wahnsinn!” Vom Parkplatz fahre ich wieder mit offenem Fenster hinunter, der Beat pumpt laut und Ice Cube rappt “Ain’t no other kings in this rap thing, they’re siblings/ nothin’ but’ my children/ one shot, they’re disappearing!” und der alte Mercedes wippt auf und ab, nur leider unfreiwillig und falsch herum, mit dem Popo zuerst, weil die alten Stoßdämpfer nicht mehr taugen. In Osnabrück poltere ich wenig später mit meinem umgedrehten Popo-Lowrider am Campus vorbei, Ice Cube rappt gerade “If you are scared motherfucker, go to church!”, ich parke den Wagen im Ledenhof und gehe in die Mensa. Mein Gott, wie lang ist das her! Was war ich jung! Das Stimmengewirr, das Gewusel, die Gerüche, wunderbar! Ich kaufe einen vegetarischen Auflaufklotz samt Fritten, setze mich an einen Fenstertisch und lese ein Flugblatt, das gegen den Naziaufmarsch zum Jahrestag der Varusschlacht aufruft. In einfachen, langsamen Worten wird erklärt, warum die NPD böse ist und ich sehe mich um und frage mich, wem im Raum man das eigentlich noch erklären muss. Derweil wächst der vegetarische Klotz mit jedem Bissen nach, immer, wenn ich nicht hinsehe. Er endet nicht, er ist kaum zu bezwingen und als ich ihn endlich geschafft habe, weil ich mit den Augen auf ihm blieb, bin ich so satt, dass ich mich frage, wie die Studenten nach dem Essen überhaupt noch laufen können. Mein warmes Arbeitsplätzchen finde ich in der hintersten Ecke der Universitätsbibliothek, dort, wo man aus den Fenstern direkt auf den Kinderspielplatz schauen kann. Oh, wie ich das genieße! Die zigtausend Bücher, die konzentrierte Ruhe, das Geraschel von Seiten, den grimmigen Jurastudenten im Onkelz-T-Shirt, der neben mir immer 30 Minuten lang in Gesetzestexten wälzt und dann seine Erkenntnis mit so hartem Druck seines Kulis aufschreibt, dass ich sie nach seinem Weggehen im Holz des Tisches nachlesen kann. Von ihm berichte ich bei der Show auf meiner geliebten Stammbühne Glanz & Gloria und auch von Ice Cube, Proleten im Etap, Performance-Kunst auf Neun Live und tausend anderen Details, die ich heute Abend so flüssig mit neuen Ausschnitten aus MURP! verknüpfe, dass ich mich innerlich freue wie eine Band, die besonders sauber zockte, obwohl das Publikum den Unterschied nicht bemerkt hätte. Jörg Everding macht wieder mal Live-Fotos und Stammfan Boris Werner sowie seine Kicker-Crew laden mich zu einer Runde Tischfußball ein. Die Autobahn sehe ich auf der Rückfahrt durch Regen und von Müdigkeit verengte Augenschlitze nur noch halbwegs, höre dabei die psychedelischen Fragileviews und komme erst wieder zu Bewusstsein, als ich mich endlich zwischen Frau und Katzenkinder ins Bett kuscheln kann, um es kurz darauf sorglos und traumreich verlieren zu dürfen.

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