Tourtagebuch Reloaded – 12.03.2009 Hannover, Faust

“Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!”, sprach Goethes Faust und ich denke an ihn, während ich nach Hannover zum Faust fahre und dabei das neue Album von Faust höre, der deutschen Krautrock-Institution. Es schabt, bumpert, groovt und zerrt und bildet in seinem akustischen Klanggeflecht immer wieder langsame, klare Rhythmen heraus, die mich hypnotisieren und befriedigen. Die zwei Seelen, die in mir wohnen, sind schließlich einerseits die des Kultur-Professors, der genau wie Hartmut 70 Minuten mit tiefer Genugtuung Faust oder Radian oder Zeitkratzer hören und dazu erlauchte Theorien vorbringen kann und andererseits die des ungeduldigen Kerles, der angekommen im Innenstadt-Stau von Hannover wütend aufs Lenkrad schlägt, das elende Entschleunigungs-Gebrodel von Faust aus dem CD-Player reißt und Ice Cube den dämlichen, verfickten Stau mit vulgären Worten kommentieren lässt, bis Henning Chadde mich am Telefon wie jedes Jahr beruhigt: “Lass Dir Zeit, Oliver, alles ist gut.”

Auf der Bühne dann Männer-WG. Zwei Couchen, Stellwände, Bierflaschen, Durcheinander. Links von mir sitzen die Wohnraumhelden auf dem Sofa und spielen ihre Lieder, rechts von mir hocken zwischenzeitlich die Betreiber der Lindener Kneipe “…und der böse Wolf”, die als Fans der Wohnraumhelden kamen und als Fans des Uschmann gingen. Ihr Häuptling – ein Schrank von Mann mit Lederjacke und Glatze, der als Kind die Walldorfschule besucht hat – sieht mir in der Pause im Backstage tief in die Augen und sagt: “Was Du da machst, mein lieber Freund. Was Du-da-machst” – was wird er sagen? Wird er mich fressen? – “… was Du da machst… das ist Wahnsinn! Super!” Es ist schön, einen so erfahrenen Bär zu überzeugen, der die meisten Autoren sonst nur als verhuschte Poeten kennt, die ihm beim Einatmen unter der Nase hängenbleiben. Aus Dank und Übermut redet er während der Show unablässig mit uns Akteuren, als sei er wie ein Darsteller eingeplant gewesen und tanzt sogar meinen Namen, weil er Begriffe-tanzen damals in der Schule gelernt hat. Die Kultur driftet dabei den ganzen Abend gepflegt ins Handfeste einer Kerle-WG ab: Wir betrinken uns auf der Bühne, schaffen uns zugleich perfekt spontane Übergänge, machen laute Witze und palavern vor dem Auftritt so laut im Backstage über die Finanzkrise und den Zustand der Welt, dass das Publikum im Zuschauerraum heimlich mithört und sich köstlich darüber amüsiert, wie die Männerrunde bei Brötchen und Bier mal wieder so richtig auf den Stammtisch haut. Höhepunkt für mich: Die Helden spielen ihren letzten Song so, dass ich in einen Instrumentalteil hinein die Postkartengeschichte “Der Regenpavillon” als Zugabe spreche, unterlegt von perlender Gitarre. Super! Und schlussendlich eine Show, in der Männerstammtisch und Kultur mit Brummschädel zusammenfanden.

Auf der sehr frühen Rückfahrt am nächsten Morgen erlebe ich dann wieder den ungefilterten deutschen Mann, wie er leibt und lebt. Auf einem Rasthofparkplatz – ich trinke gerade Kaffee, begleiche meinen Zuckerspiegel mit Schokoriegeln und höre die brandneue Selig – hält neben mir ein Bus. Drei Dachdecker steigen aus, stellen sich (das Klo ist 100 Meter entfernt!) an die Leitplanke neben mein Auto, holen synchron ihre Schwänze raus, legen die Köpfe zurück und lassen es laufen. “Und schau, schau, schau in den Morgen”, singt Jan Plewka und ich schaue ja und was ich sehe ist Synchronpissen. Ich kann es verstehen. Ich mache es nicht mehr, nicht so, vor anderen Autofahrern, aber ich kann es verstehen. Meine Augen brennen vor Müdigkeit. Ich will mehr Schokolade. Und Burger. Frittenmayomatsch. Rock’n'Roll. Ich bin ein Mann. Ich kämpfe um Kultur.

This entry was posted in Tourtagebuch 2009 and tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.