Tourtagebuch Reloaded – 14.03.2009 Erkrath, Privatshow

“Man muss ja sehen, wo man bleibt”, sagt der betrunkene junge Mann neben mir auf der Couch der Wohngemeinschaft, in der ich heute Abend als Attraktion auftrete. Es kommt selten vor, dass 25 Leute zusammenlegen, um den Uschmann zu buchen und soweit ich mich erinnere, habe ich noch nie im Tourtagebuch darüber geschrieben. Heute darf ich das, es wurde mir erlaubt, sogar von den nüchternen Wohnungseignern. “Man muss sehen, wo man bleibt”, lallt deren betrunkener Gast weiter und spricht über Thomas Allofs, den legendären Fußballer, der heute in Erkrath lebt und in Düsseldorf ein Entsorgungsunternehmen leitet. Diese Anekdote bringt mich auf die Geschichte “Lokalsport” aus Hartmut und ich, denn einer der Landesliga-Sportplatzmänner darin hat ein reales Vorbild, das ebenfalls mit Müllentsorgung reich geworden ist. Man munkelt, es handele sich dabei vor allem um die illegale Variante, die im Fernsehen das A-Team auf den Plan rufen würde; Herbert (Name geändert) sei ein Meister der Verklappung, erzählte man sich damals auf dem Sportplatz und so moralisch verwerflich das auch ist, man erzählte es mit einem Hauch von Bewunderung, als traue sich der Herbert Dinge, für die man selbst als anständiger Mann viel zu feige ist. Ich lese “Lokalsport” und erzähle derlei Erinnerungen vor den 23 heiteren Kampftrinkern und den zwei nüchternen Wohnungseignern, verteile besoffene Äpfel und trinke selbst Kaffee, da ich nicht zwischen den Fünftagebärten mit T-Shirts von Fortuna Düsseldorf und Fates Warning einschlafen möchte, ich weiß, wie so was endet, ich habe schon Wohnzimmerkonzerte gegeben. Dass ich fertig bin, da ich am gleichen Wochenende von 9-17 Uhr in der VHS Düsseldorf ein Seminar gebe, hilft meiner Darbietung eher, denn es macht sie manischer und offensiver. Schwarze Ringe unter den Augen und das Blut schon ganz schwarz vor lauter Koffein, haue ich auf den Stamm- und Wohnzimmertisch, schleudere Szenen aus “Scheiß Staat”, Wandelgermanen und “Sanftmut” wie humoristische Streitäxte durch den Raum, verliere dabei Spucke und pöbele mit zwei besonders übermütigen Kollegen herum, die glauben, den Herrn Komiker durch spitze Einwürfe auf seine Schlagfertigkeit hin testen zu müssen. Ich verstehe ihre Provokationen ganz richtig als symbolisches Wortduell, als Battle ohne Rap, gehe darauf ein und verlasse den Platz gegen 23:45 Uhr mit einem klaren 4:1-Sieg. Bis 1:20 Uhr nötigt man mich noch zum Saufen und spielt dazu zwei Mal am Stück und in regalbretterbrechender Lautstärke Metallicas aktuelles Album “Death Magnetic”. Niemandem fällt auf, dass ich in der Küche spritfreies Bier in normale Gläser schütte und gar nicht betrunken bin. Man muss den Menschen geben, was sie brauchen. Als ich im 1:35 Uhr ins Auto steige, um ins Hotel nach Düsseldorf zu fahren, hält mich niemand auf, nicht mal der nüchterne Wohnungseigner. Der hält es für normal, dass Dichter trunken fahren, Charles Bukowski und Hunter S. Thompson haben es ja vorgemacht. Um 9 Uhr muss ich wieder vor potentiellen neuen Schriftstellertalenten in der Volkshochschule stehen. Augen brennen, Ohren sausen. Kurz nachdem ich das erste Mal einschlafe, klopft es an der Zimmertür und ich öffne mit Schlitzaugen und Schlitz in der Unterhose die Tür. Davor steht Rainer Brüderle, hebt ein kleines Glas Obstler und sagt: “Man kann es alles schaffen, wenn man nur will!” Er schweigt, macht große runde Untertassenaugen, lacht, hebt das Glas, legt den Kopf nach hinten und ruft: “Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, zackzack!” Der Obstler fließt in seinen Leib und ich weiche zurück, denn mit jedem Zentimeter, den der Schnaps zurücklegt, wird seine Haut transparenter. Als die scharfe Birne in seinem Magen angekommen ist, löst sich der Liberale vollständig auf und meine Zimmertür schließt selbsttätig. Ich krieche wieder ins Bett, stopfe den großen Onkel des rechten Fußes in die Ritze und denke an Songs von Marvin Gaye, um einschlafen zu können.

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