Tourtagebuch Reloaded – 18.03.2009 Köln, Central Krankenversicherung (LiTCologne)

Uschmann auf der LitCologne, das ist natürlich eine Ehre, ein Ritterschlag, ermöglicht durch den Literatur-Förderpreis NRW, ohne den die Veranstalter eines so erlauchten Festes niemals Notiz davon genommen hätten, dass sich hinter den bunten Covern der Hui-Romane mehr verbirgt als Comedy von den Dorfwiesen der Knackwürstchenwerber. Dennoch: Was sich mir in Köln darbietet, hätte ich in der Größe nie erwartet. Uschmann bei der LitCologne, das hätte ich so eingeschätzt wie, sagen wir mal, Senses Fail bei Rock am Ring, also schon dabei, aber eben: Alternastage, Nebenbühne, 15:30 Uhr. Aber nix da, das hier ist AC/DC, Hauptbühne, 23 Uhr! Die Central Krankenversicherung hat ihre Kantine geräumt und 350 Stühle aufgestellt. Neben der Bühne eine große Leinwand, Technik vom feinsten und zwei Pressekonferenzmikros am Tisch, eines für mich und eins für Thomas Hackenberg (u.a. bekannt aus “Quiz Taxi”), den Moderator, der mit mir auf der Bühne sitzt und den Abend in guter,alter Schmidt-Andrack-Manier gestaltet. Der Mann ist unfassbar gut vorbereitet, so gut, dass es mich rührt, freut und innerlich wahnsinnig dankbar macht. Er hat im Urlaub auf Thailand Hartmut und ich, Voll beschäftigt und MURP! gelesen und noch dazu die letzten Tage sowohl hartmut-und-ich.de wie die Wandelgermanen-Seite bis ins letzte Spiel und die letzte Kolumne durchgezockt und kennt die Hui-Welt nun wie seine Westentasche. Auf eine lässige, präzise und wohltemperierte Art macht er den tatsächlich alle 350 Stühle füllenden Besuchern der LitCologne klar, wie sich im “MURP!” bei allem Klamauk aus der Addition der Einzelszenen ein “beängstigendes Szenario” ergebe, das aufzeige, wie sehr wir gefangen sind und uns selbst zu Gefangenen machen. Er skizziert die Kanten und Tiefen der Hui-Welt, wie man selbst als Autor es nie könnte, ohne selbstverliebt zu wirken und bietet dem Publikum zugleich beste Lachtränenunterhaltung, da er bewundernswert professionell das Beste aus mir herauskitzelt und mich jedes Mal sanft wieder auf Spur bringt, wenn ich zu sehr abdrifte. Thomas, kannst Du nicht immer mit auf Tour gehen? Zum Abschluss lese ich das erste Mal ein paar Auszüge aus dem im Juli erscheinenden neuen Buch Fehlermeldung, dem satirischen Ratgeber über die Selbstsabotage des Mannes und wie man sie beheben kann. Das macht Spaß und hat den pragmatischen Grund, dass mein enger Verbündeter Jens es für ein Videopressepaket filmt, das auch sicherlich im Laufe des Sommers auch auf YouTube entgegenflimmert. Als ich mit ihm später am Abend auf der Straße vor der Krankenversicherung stehe, die mir als Autor eines Manifestes gegen die Gesundheitsdiktatur in ihren Hallen die bislang größte Lesung meines Lebens beschert, habe ich einen Begeisterungskater. So ein Abend ist ja kaum zu fassen, im wörtlichen Sinne, man erlebt ihn zwar, sogar als Hauptfigur des Abends, aber be-greifen kann man ihn kaum, er ist tatsächlich un-fassbar, er entgleitet einem nahezu, ich möchte mir kaum ausmalen, wie Mario Barth sich nach seinem Auftritt im Olympiastadion gefühlt haben muss. Ich hätte wahrscheinlich ganz schnell im Hotel gebadet, heiß, bei mindestens 42 Grad, und danach bis sieben Uhr morgens “Animal Crossing” gespielt und Birnen bei Tom Nook abgegeben. Im CD-Player auf dem Heimweg höre ich nur fünf Minuten Ice Cube, dann wechsele ich schnell zu den Piano-Suiten von Chopin, die ich heute Nachmittag für ein Euro bei Emmaus erworben habe. Ich bin ja jetzt Kulturgut. Es fühlt sich gut an.

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