Tourtagebuch Reloaded – 21.03.2009 Hamburg, Hafenklang

Nach dem “Kulturschock” von Köln fühlt sich der abgewetzte Club Hafenklang in Hamburg wieder “heimisch” an. Auf der Theke liegen Taz, Jungle World und Musikmagazine, an den Wänden kleben Konzertplakate von Mono, SNFU und den Peacocks und die Toilettenräume wurden nicht mit Fliesen, sondern mit Aufklebern gekachelt. Auf meinem Lesetisch baut sich der DJ, der ab 23 Uhr hier Drum’n'Bass-Vinyl auflegt, eine große Tüte und beginnt mit mir einen Dialog, dessen Logik ich mangels selbst inhalierter Rauchware nur bruchstückhaft folgen kann. Der Techniker ist ein professioneller Bär, die Wirtin lässt sich beim Kaffee so für meine Bücher begeistern, dass sie mir alleine schon vor der Show den halben Büchertisch abkauft. Als Gäste empfange ich meine lieben Kollegen und Chefs von der GEE-Redaktion sowie Bela B. samt Freundin und gutem Kumpel, der sich als ehemaliger Manager von Blumfeld entpuppt und mich von einem guten Interviewtag zur “Jenseits von jedem”-Platte kennt. Ich freue mich, den guten Herrn Felsenheimer wiederzusehen, denn es gibt kaum einen herzlicheren und enthusiastischeren Menschen. Wüsste man nicht bereits, dass das Leben ein verdammt toller Spielplatz und jede Minute davon lebenswert ist, man spürte es nach einer Begegnung mit ihm. Seine Freundlichkeit kommt von innen; wo ich dem Dalai Lama spätestens nach dem siebten halbhysterischen Lacher in Folge latent misstraue, weiß ich bei Bela B. Felsenheimer, dass seine positive Ausstrahlung echt ist. Um den Rahmen perfekt zu machen, taucht aus heiterem Himmel noch mein alter Bochumer Kumpel Manuel aus Unizeiten auf, ebenfalls ein grundechter Strahlemann, einer von den Guten, einer, der damals Maschinenbau studierte und mit der Fachschaft Maschinenbau Lesungen und Punkkonzerte auf die Beine stellte, um fächerübergreifend Brücken zu schlagen und Grenzen aufzulösen. Angespornt von soviel nettem Besuch rocke ich mich durch MURP!, “Bärenklau” und “Closeline”, zeige Katzenvideos und berichte immer wieder von meinem “Imageberater”, der für mich in meinem Liveprogramm langsam eine ähnliche Funktion einnimmt wie “meine Frau” für Inspektor Columbo oder “meine Freundin” für Mario Barth. Die Theke schenkt mir derweil mehrfach ungefragt Jägermeister mit Apfel aus, weil sie von Hartmuts besoffenen Äpfeln inspiriert ist. Ein geiler, geiler Abend.

Gegen 0:45 stehe ich in Joey’s Pizzaküche in Altona, bestelle mir eine Hellas und beobachte die vier jungen Männer mit Migrationshintergrund, die diese Filiale gepachtet haben und in bewundernswertem Tempo, Präzision und Qualität Pizzen zaubern, Bestellungen koordinieren und Kartons in Thermotaschen packen. Ich denke an Bela und sein Lebenswerk, an Sylvia und mich und die Hui-Welt, an meinen Kumpel Manuel, der nun als Ingenieur in Hamburg arbeitet und an die Jungs von GEE, die teilweise auch nicht mit dem goldenen Löffel geboren wurden und nun davon leben, sich mit Videospielen zu beschäftigen. Ich sehe Joey’s Pizza-Unternehmer, denke an einen hochkomplexen Aufsatz in der Jungle World, in dem Georg Seeßlen das Phänomen des Amoklaufs als modernen, ödipalen “Jihad ohne Religion” sozialpsychologisch durchinterpretiert und auf die Chancenlosigkeit zurückführt, im Jahre 2009 als Vorstadtsohn gut betuchter Männer noch irgendwie eine “Person” zu werden und denke mir: Verdammter Mist, ist es denn so naiv, zu glauben oder gar zu fordern, dass es auch anders gehen kann? Dass jeder das Recht, die Möglichkeit und sogar die Pflicht hat, es wenigstens zu versuchen? Hier, Joey’s Pizza-Jungs, die pachten diesen Laden und haben gut zu tun, es ist nicht das Beste, sicher, viel lieber wären sie womöglich House-Produzenten oder Schauspieler, aber wer weiß, vielleicht versuchen sie auch das noch, nebenbei. Ist es so falsch zu glauben, dass allein der Versuch schon den Untergang verhindert, selbst, wenn er nie ganz zum Ziel führt? Dass sinnvolles, eifriges Versuchen einen bereits zur “Person” machen würde, die es benötigt, um nicht sich selbst und andere vernichten zu wollen? Derlei denke ich, laufe mit der Pizza ins Hotel Altona zurück, schalte den Fernseher ein und sehe, wie Al Pacino in “Scarface” zwei Männer erschießt, weil sie ihn hintergangen haben. Den dritten lässt er stehen und fragt ihn, ob er einen Job haben will. Er nickt. “Danke, Tony”, sagt er, und fordert nicht mal einen Mindestlohn. Ein paar Stunden zuvor hat Klitschko geboxt und gewonnen. “Was auch sonst?”, sagte der Rezeptionist, als ich ins Hotel kam, “kennt man ja nicht anders”. Wenn sie wenigstens boxen würden, denke ich, bevor ich einschlafe und mir wünsche, dass jeder Junge die Lebenslust spüren könnte, die alle Menschen im Hafenklang heute in sich trugen, wenigstens boxen… dann schlafe ich ein und träume die ganze Nacht von Seen und Wasserfällen aus Orangensaft.

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One Response to Tourtagebuch Reloaded – 21.03.2009 Hamburg, Hafenklang

  1. David says:

    Wer ist die Freundin von Bela?