Tourtagebuch Reloaded – 27.03.2009 Solingen, Cobra

Gibt es “schwächere Werke”? Klar, man stellt das immer sehr leicht fest bei anderen Autoren oder Filmemachern oder Musikern. Es bildet sich ein Kanon heraus, indem irgendwann feststeht, dass “Reload”, “Ballbreaker”, “A Bigger Bang” oder “… And The They Were Three” nicht gerade die Meisterwerke der jeweiligen Bands sind. (Wer die zugehörigen Bands ohne zu googlen errät, gewinnt ein kleines Hui-Paket!) Die Frage ist aber: Wie sehen das die Künstler? Als langjähriger Musikjournalist, der gerne einfach nur zuhört und Schriftsteller, der selber Kritiken über sich liest, kann ich sicher sagen: Für die Künstler gibt es kein “besser” oder “schlechter”, es gibt nur ein “anders”. Platten, Bücher, Filme müssen in dem Moment so sein, wie sie sind, wir haben da kaum eine Wahl, selbst, wenn wir es drei Jahre später ganz anders machen würden. Klarer verhält es sich da schon mit Auftritten. Hier fällt es uns leicht, zu werten und zu sagen: Heute war ich nicht so gut, wie ich hätte sein können. Doch ebenso wie bei den Werken muss das Publikum diese Meinung nicht teilen. Siehe den heutigen Abend. Im Sommer 2007 gastierte ich in der Cobra als Teil des “Wundlaufs 2007″, der legendären Barfußtournee. Die Etappe Wuppertal-Solingen lag hinter mir und meinem Begleiter Burkhard, die Sohlen bluteten, ich war völlig am Ende. Die Show am Abend war dementsprechend gut, aus meiner Sicht. 30 Kilometer barfuß über Asphalt erzeugt eine ähnlich hysterisierende Wirkung wie um 19:55 Uhr von seinem Auftritt um 20 Uhr zu erfahren. All das fällt heute weg. Ich komme überpünktlich an, begleite in aller Ruhe den Aufbau, plaudere mit dem Techniker über all seine vielen Bands und die goldenen alten Zeiten, halte netten Stammtisch mit meinen privaten Gästen, esse den empfehlenswerten Veggiburger in der Kantine und spiele schließlich im lauschigen Kinosaal eine Show, die sich für mich selbst lediglich gut anfühlt. Gut. Nicht übermütig, nicht hysterisch, nicht virtuos. Nur gut. Der Veranstalter und einige Besucher sehen das ganz anders und fanden es sogar “besser als letztes Mal”. Ich nehme das Lob dankend an wie einer dieser übereifrigen Musiker, die sich zwar freuen, aber doch die ganze Zeit daran denken, dass sie sich im Mittelteil von “Unquiet Slumber For The Sleepers” verzockt oder bei “Train Of Thought” ein Solo vergessen haben. Ich bin müde. Auf der Raststätte Sternenberg halte ich gegen 0:45 Uhr an, um Pipi zu machen und einen Kaffee zu ziehen. Auf dem Klo stehen zwei südländische Männer vor den Waschbecken und verstummen, als ich den Raum betrete. Ich pinkele, dränge mich in aller Unschuld zwischen sie ans Waschbecken, reinige meine Pfoten und verlasse den Raum, während sie weiter schweigen und mich mustern, als überlegten sie sich, ob ich ein Zivilbulle bin und präventiv geschlitzt werden muss. Sie entscheiden sich dagegen. Draußen vor der Tür steht ein dritter Mann in einem Wagen und wartet. Ich ziehe meinen Kaffee vorne in der Tanke, überlege kurz, ob ich dem Tankwart trotz Mangels an Beweisen sagen soll, dass auf seiner Toilette Deals abgewickelt werden und sehe davon ab, da in meinem Mobiltelefon der Warnton des Antidiskriminierungsgesetzes anspringt, den die Regierung dort gegen meinen Willen installiert hat, nachdem sie die Kundendaten von Telekom und E-Plus kaufte. So steige ich mit dem dampfenden Becher in meinen Wagen, lege den Gang ein und höre den Rest der Fahrt, um wachbleiben zu können, “Ballbreaker”.

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