Tourtagebuch Reloaded – 29.03.2009 Stuttgart, Kulturzentrum Merlin

Heute stehen alle Zeichen auf Förderung. Das Stuttgarter Kulturzentrum Merlin fördert in der Reihe “Popfreaks” nach eigenen Worten “innovativen deutschen Pop”, so dass hier in Bälde Bands wie Bonaparte, Ja Panik oder Karamel aufspielen, die teilweise bereits in Hartmuts “Wannenunterhaltung” auftauchten oder noch auftauchen werden. Die brandneue Reihe “Das literarische Wohnzimmer” fördert “junge Literatur mit einer am Alltag orientierten Sprache und mit dem Lebensgefühl einer gesellschaftlichen Gruppe, die zwischen Adoleszenz und Familiengründung steht”. Uli Hannemann, Dan Richter, Jochen Schmidt, Finn-Ole Heinrich und Andreas Stichmann werden hier in den kommenden Wochen lesen. Ich eröffne die Reihe und während ich das tue, fördere ich Raymund Krauleidis, einen lieben Bekannten, den ich in meiner Funktion als “Wortguru” mit Hilfe meines Agenten als zweites literarisch-humoristisches Talent (nach Carsten Wunn) erfolgreich an einen Verlag vermittelt habe, im Dezember erscheint bei Heyne der Büroroman “Schmoltke und ich”. Raymund hat als Satiriker und Kolumnist bereits eine Menge Erfahrung, tritt aber als Gast auf der Hui-Bühne heute das allererste Mal live auf, was grandios funktioniert, wenn ich daran denke, wie sehr ich bei meinem ersten Auftritt gescheitert bin… Moderator Ingo Klopfer führt gekonnt und charmant durch den Abend, er ist als Initiator der “Get Shorties”-Lesebühne in Stuttgart, Heilbronn und Tübingen und des Independent-Verlags Maringo der vielleicht größte Literaturförderer der Region. “Eigentlich wollte ich zur musikalischen Begleitung die Stones einladen”, erzählt er, “habe mich dann aber doch für Kehrwoche entschieden”, flaxt er und fördert somit die örtlichen Lounge- und Jam-Experten. Das Publikum hat Spaß mit uns allen und ich verliere in einer Runde Live-Trivial-Pursuit gegen einen Mann namens Ali, der im Gegensatz zu mir als Schriftsteller den Unterschied zwischen Personal- und Possessivpronomen benennen kann. Am nächsten Tag im Zug fördere ich durch gezieltes Hinsetzen die Einzelplätze im Bordbistro, die sonst immer leer bleiben sowie den koffeinfreien Kaffee, den sonst keiner kauft. Dann steige ich auf der letzten Etappe extra in Capelle aus, weil der Bahnhof weniger benutzt wird als Ascheberg und somit gefördert werden muss, informiere mich, welches Taxiunternehmen am wenigsten in der Region nachgefragt wird, lasse mich damit nach Hause fahren und zwinge den Taxifahrer, statt WDR 4 doch bitte Radio Kiepenkerl reinzudrehen, um die Lokalsender zu fördern. Daheim überwältigt mich die seit zwei Tagen sich anschleichende Grippe und ich liege die kommenden Tage auf der Couch und träume davon, einen riesengroßen Kulturhof zu gründen, auf dem 24 Stunden lang gefördert wird. “Was fördern sie denn?”, frage ich in dem Traum irgendwann ein paar rechteckige Russen mit schwarzen Zähnen und alten Maschinengewehren. “Öl!”, sagen sie, zeigen auf den Boden unter meinem Kulturgut und heben die Waffen.

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