Tourtagebuch Reloaded – 07.04.2009 Neudrossenfeld, Schloss Neudrossenfeld

‘Was macht denn der Uschmann jetzt in Neudrossenfeld?’, werdet Ihr Euch fragen und ‘wo zur Hölle ist das überhaupt?’ Nun, das ist im Fichtelgebirge, zwischen Eberhardtsreuth und Altdrossenfeld, also nördlich und südlich gesehen, man könnte auch sagen zwischen Neuenreuth am Main und Pechgraben, wenn man die West-Ost-Achse nimmt. Das sagt sicher niemandem was, genausowenig wie das Geplauder irgendjemandem etwas sagen würde, dass mein zukünftiger Pressemann und ich im Auto auf dem Weg zum Festessen genießen, als wir feststellen, dass wir beide eine heimliche Liebe zum Progressive Rock in all seinen Spielarten haben, von den alten Genesis bis zu den neuesten Opeth. Es haben sich zwei gefunden und ich fühle mich wohl in Gegenwart eines Mannes, der das Genie des Tony Banks zu schätzen weiß und zugleich zugibt, ebenfalls beteits mit großem Vergnügen Konzerte von Dream Theater besucht zu haben. Ich überschütte meinen Gesinnungsgenossen mit einem Schwall progressiver Geheimtipps (90 Day Men, Jaga Jazzist, Maserati, The Fall Of Troy, Ikaros…) und berauscht von den vielen Optionen saust er mit dem Wagen ungebremst durch die alten Dorfgassen hindurch wie einst meiner selbst durch die Dörfer in “V-Ralley 97″, die Bremskraft packt in Altdrossenfeld und erst in Muckenreuth zieht sich die Landschaft vor den Fenstern wieder zu den pixeligen Polygonen zusammen, die man sieht, wenn man langsam fährt. Umdrehen und keine Panik, denn schließlich ist Uschmann heute die Hauptattraktion und liest vor 60 bestens gekleideten Verlagsmenschen und nach der Begrüßung durch den altehrwürdigen Chef der Firma erstmals aus dem Roman, den er für dieses Verlagshaus gemacht hat, das damit eine brandneue Reihe für junge Erwachsene eröffnet. Mehr darf ich noch nicht verraten, nur soviel, dass die Eltern unter den Verlagsleuten mir dafür danken, jetzt endlich “ein bisschen besser zu verstehen, was in den Söhnen vor sich geht”. Nach der Lesung und vor dem Hauptgang des kulinarischen Hochklasserestaurants bedankt sich der Verlagschef mit den Worten: “Nun bin ich froh zu sehen, dass wir nicht nur einen hervorragenden Autor, sondern auch einen exzellenten Vorleser eingekauft haben”. Da mich die Reise hierher über 500 Kilometer im gemieteten Smart gekostet hat und der Lesung mit Essen noch mehrere Meetings vorausgingen, torkele ich auch ohne Alkoholeinfluss mit einer Erschöpfung aufs Hotelzimmer im Best Western Bindlach, die mich selbst erstaunt. Kurz vor dem Bett knicken meine Beine weg und ich schaffe es gerade noch, mich auf die Matratze zu ziehen und den Gute-Nacht-Fernseher anzuwerfen, als Abtprimas Notker Wolf bei Maischberger in der Runde erscheint. Der ist Benedektiner-Chef, Buchautor, Aufsichtsratsmitglied, Flötenspieler und Rockgitarrist. Um 4:30 Uhr steht er auf und abends übt er E-Gitarre mit Kopfhörern, um im Kloster niemanden zu stören, nach dem Querflöten-Training, das man nicht elektronisch runterdrehen kann. Kürzlich tourte seine Band im Vorprogramm von Deep Purple. Was soll man sagen? Gott hat sich auch nicht wenig Arbeit gemacht. Und ich bin hier schon nach einem Tag müde… mit der christlichen Querflöte und den Tony-Banks-Akkorden von “Afterglow” im Ohr schlafe ich schnell und zufrieden ein.

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