Tourtagebuch Reloaded – 19.04.2009 Braunschweig, Spiegelzelt (Festival Seitenweise)

Eine der mit Abstand schlimmsten Gewohnheiten in Deutschland besteht darin, anderen Menschen ungefragt beweisen zu müssen, wie kultiviert man doch ist. Folgender Dialog etwa, der mir kurz nach der Ankunft in Braunschweig wiederfährt:
“Ach, Sie lesen bei “Seitenweise” im historischen Spiegelzelt? Was denn so?” “Satirische Alltagsgeschichten aus einer Männer-WG.” “Ja, also…” (hier beugt sich der Dialogpartner konspirativ nach vorne), “… was heute so unter Comedy bei RTL und Sat1 läuft, das geht ja mal gar nicht. All diese Atze Schröders und so, wie die alle heißen. Das ist ja widerwärtig, so etwas…” “Hmmm…” “Also, ich, wissen Sie, ich schalte nur Bayern 3 ein. Bayern 3, ZDF, 3Sat. ‘Ottis Schlachthof’ zum Beispiel oder ‘Neues aus der Anstalt’ Das ist Kabarett, das hat Niveau, verstehen Sie?” “Ja, durchaus, ist gut…” “Ja, das ist ja widerwärtig, oder auch dieser Dirk Bach, da wird mir ja schlecht. (Noch mehr nach vorn lehnen und flüstern, sein Mund steckt mir bald im Ohr) Also, die Menschen, die über so was lachen können, die haben doch noch nie ein Buch in die Hand genommen, das sage ich Ihnen aber!” Undsoweiterundsofort… Nach derlei “Gesprächen” habe ich jedes Mal das dringende Bedürfnis, auf dem Hotelzimmer absichtlich Atze Schröder einzuschalten und dabei auf dem Laptop in brüllender Lautstärke Oi-Punk, Gangster Rap, True Metal oder andere kulturelle Todsünden abzspielen, bzw. das, was solche Leute für kulturelle Todsünden halten würden.

Im tollen Spiegelzelt neben der Martinikirche mache ich mich dann während des Programms über diesen Habitus lustig, beziehe den MURP! heute vor allem auf das gepflegte Scheitern und Unkultiviertsein und erlebe, was Die Ärzte bei ihren 3-stündigen Konzerten häufig erleben: Ist das Publikum im ersten Drittel noch nicht ganz bei der Sache, wird es mit jedem Wort besser, bis ich sie spätestens bei der ersten Live-Darbietung der neuen Hui-Geschichte “Der Aufschub” aus dem Red Bulletin, bei “Always”, “Closeline” und dem “Regenpavillon” habe, so dass sie sogar tatsächlich eine authentische Zugabe durch anhaltenden Jubel fordern. Ich beende die Show mit Hartmuts sarkastischsten “Beziehungstipps” aus MURP! und führe einige nette Gespräche am Büchertisch, bei denen mir u.a. eine fremde Frau Uschmann (wie sich herausstellt, nicht verwandt) sowie ein junger Mann begegnen, der wie ich in Wesel aufwuchs und in Bochum studierte. Ohnehin ist das “Spiegelzelt” heute auf unheimliche Weise Motto meines Tages, denn das wunderschöne historische Viertel, indem es steht, spiegelt die Verhältnisse meiner und Hartmuts Heimatstadt. In einer “Martinikirche” wurde ich getauft und die Fensterform ist dieselbe wie hier; einen Straßenzug weiter befindet sich die “Steinstraße”, in welcher in Wesel ebenfalls meine sowie Hartmuts Eltern leben. Und der TOTAL-Rasthof hinter Hannover auf der Hinfahrt ist eine exakte (!) 1:1-Kopie meines Stammrasthofes daheim, auf den ich Journalisten zu Interviews lade… da fahren mir durchaus ein paar kleine Schauer über den Rücken.

Auf der Rückreise am nächsten Tag höre ich absichtlich nur unkultivierte Musik, nicht nur wegen der Poser, sondern auch, weil mich nach fünf Songs von Kantes Album “Zombi” die Depression überfällt, da intellektuelle Potenz in Deutschland meistens damit anheim gehen muss, von “schleichenden Giften” zu Giften zu singen, die einen “zersetzen” und von einer Fremdheit und Bedrückung, die einem der Welt entrückt und so toll die Songs sind und so sehr ich all so etwas etwa bei meinem Franz liebe, so absurd ist es zugleich, dass Lebensbejahung anscheinend unter der Würde des akademischen Geistes segelt. Da ich die aber momentan brauche, schalte ich die Zombies aus, öffne das Dach und sause zu handfestem Bauchgefühlrock von Buffalo Tom nach Hause.

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