Tourtagebuch Reloaded – 20.05.2009 Bad Salzuflen, Bahnhof

“Das ist die Autobahn”, erkläre ich meinen zehn australischen Gästen im Heck des Wagens, “sie ist sehr wichtig für die Deutschen, ebenso wie das Automobil selbst. Sie bemerken den zahlreichen Schwerlastverkehr, allerdings haben wir keine Road Trains. 40 Tonnen sind das Maximum, was hier über die Highways brummt, von Spezialtransporten mal abgesehen. Die sind dann so faszinierend, dass über jeden einzelnen Reportagen gedreht werden.” Die Australier sind sehr neugierig und stellen viele Fragen; ich trinke Red Bull Cola und rücke meine Schirmmütze zurecht. Der Grund, warum ich mir bei der Fahrt nach Bad Salzuflen vorstelle, ein deutscher Reisebusführer zu sein, der Australiern mit ganz naivem Blick die Flora, Fauna und Kultur Deutschlands erklärt, liegt darin, dass die MURP!-Show im Bahnhof für mich der erste Auftritt nach meiner neuen Zeitrechnung ist. Meine neue Zeitrechnung geht so: Das Leben vor Australien und das Leben nach Australien. Einen Monat waren Sylvia und ich da, haben geheiratet, geflittert und uns in North Queensland in einer öko-zertifizierten Bungalow-Anlage nahe des 135 Millionen Jahre alten Weltkulturerbe-Regenwaldes so sehr am Busen der Natur gelabt, dass ich zum Buschmann wurde und sogar nachts mit der Stablampe die Taranteln aus den Löchern lockte. Das geht nicht spurlos an einem vorüber und so sehe ich Deutschland fortan mit anderen Augen. Auf der Bühne des Bahnhofs berichte ich davon und zeichne nach, wie und warum Koala, Wombat, Wallabee, Cassowary, Golden Orb und Krokodil vorbildliche “Murper” sind, von denen wir entfremdeten Menschen noch eine ganze Menge lernen können. Das Publikum goutiert meine ebenso sanft- wie übermütige neue Lebensweisheit, während einen Raum weiter professionelle Handballer ihr Vereinsfest abhalten. Nach der Show verbleiben drei Männer an der Bar, realistische, bodenverhaftete Männer mit Karohemden, Jeans von Engbers und Bäuchleinansatz. Sie sagen: “Ich lese ja sonst überhaupt nicht, aber meine Frau hat mir im Urlaub dein Buch in die Hand gedrückt und gesagt: ‘Lies das!’ Und was soll ich sagen: Das hat mir echt gut gefallen, auch heute Abend so!” Ich soll ihnen gewogen bleiben, auch wenn mich die Millionen bald in Stadthallen spielen lassen. Bleibe ich. Ich bin ein Reisebusfahrer mit zehn Plätzen im Heck, was erwarten die denn? Übermorgen geht’s in den Osten, 635 Kilometer, ich muss mich vorbereiten, denn den Gästen gibt es viel zu erzählen…

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