Tourtagebuch Reloaded – 22.05.2009 Görlitz, Basta!

“Warum gilt die Abrwackprämie auch für japanische Fabrikate, wenn damit die deutsche Wirtschaft gerettet werden soll?”, fragen meine Australier im Heck. “Warum lässt eure Kanzlerin überhaupt fahrtüchtige Autos verschrotten, wenn sie vor einem Jahr noch die Umwelt retten wollte?” Fragen über Fragen. Dabei wollte ich meinen Gästen doch von der Flora und Fauna erzählen, den Adlern, die über uns kreisen, den Bergen im Burgenland, aber auch der Bach-Stadt Leipzig mitsamt ihren Messehallen. Hilft nichts, am meisten verwirrt die Australier unsere Politik. In North Queensland ist es schon verpönt, Wasser in Kisten zu kaufen statt aus dem Hahn zu trinken und eine Art TÜV gibt es nur bei Taxen und Bussen oder wenn ein Wagen verkauft werden soll. Erklär mal Australiern, warum flatterhafte mittelständische Hausfrauen ihre blauen Hyundais mit nur 37.500 gefahrenen Kilometern verschrotten lassen, um für 2500 Euro Staatszuschuss einen silbergrauen Hyundai aus der Fabrik zu erwerben. Selbst nach 635 Kilometern Autofahrt an nur einem Tag sind sie nicht müde, wir befinden uns in Görlitz, das nur eine offene Brücke von der polnischen Nachbarstadt trennt, und ich versuche wenigstens, ihre Aufmerksamkeit auf die Schönheit dieser Stadt zu lenken, die wie eine kleine Version von Prag wirkt und selbst mich überrascht. Am Abend habe ich endlich alle Touristen im Appartement geparkt und nähere mich dem Basta!, das klein neben den massiven Felswänden liegt, auf denen sich die Peterskirche gen Himmel streckt. “Shine On You Crazy Diamond” läuft im Veranstaltungsraum und zwar so brüllend laut, dass es wie “Enemy Of The Sun” von Neurosis klingt. Der Techniker, der das Gelärme zu verantworten hat, heißt Bertram und kommt aus seinem Mischpulträumchen geschlufft wie die Gelassenheit in Person. Der Aufbau für mich und die Band Gantenbein wird durch seine ruhige Hand zur Zen-Übung, selbst als schon alle Gäste da sind, schraubt er in die improvisatorische weiße Bretterleinwand Drähte und Schrauben zur Aufhängung so ein, als befänden wir uns hier nicht beim Aufbau einer Bühne nach Einlass, sondern bei einer Partie Jenga im Kurpark von Marienborn. Vorbildlich, eigentlich. Meine Show ist wie immer anders als jeden Abend, ich mache, was ich will, trinke viel Kaffee und freue mich über die Unterstützung der Band, die nach der Hui-Show noch einige sehr schöne Indiepopsongs ihrer ersten Demo-CD “Auf dem Holzdielenfußboden” spielt und sich auf nette Art selbst unterschätzt. Ihre Stücke haben Pfiff und wer “Ayman Abdallah, was ist mit dir passiert?” singt, hat bei mir ohnehin schon gewonnen. In dem gigantischen Gäste-Appartement in der Altstadt warten schließlich um 1 Uhr nachts meine Touristen auf mich; immer noch hibbelig sitzen sie in dem gutshallengroßen, unheimlichen Zimmer um den runden Tisch, schauen mich mit ihren braunen australischen Augen an und fragen: “… und die Häuser sind wirklich über 500 Jahre alt?” Ich seufze, brühe mir noch einen Kaffee auf und setze mich zu ihnen, um zu erklären.

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