Tourtagebuch Reloaded – 23.05.2009 Cottbus, Glad-House

Am nächsten Morgen mache ich mit meinen Gästen eine Stadtführung. Frauenkirche, Dicker Turm, Annenkapelle, Kaisertrutz, Reichenbacher Turm, Brüderstraße, Untermarkt, Rathaus, Schönhof, Flüsterbogen… Schritt für Schritt sind sie fasziniert und gerührt, eine solche Atmosphäre aus Fachwerk, Backstein, Kopfsteinpflaster und Spreizbögen können sie auf ihrem ganzen Kontinent nicht finden. Auch der Wochenmarkt fasziniert sie. Großes Gelächter, als ich an der Altstadtbrücke versuche, meine Ehefrau anzurufen und aus Versehen im polnischen Handynetz lande. “Hallo?”, frage ich mit der typisch oktaven-erhöhten Ehemanntelefonstimme.
“Hallo?”, lautet die mädchenhaft klingende Antwort.
“Ja, hallo? Mein Engelchen?”, sage ich.
“Hallo!”, klingt es zurück.
“Mein Erdbeercrépe”, sage ich, um meine Frau zu mehr Dialog zu bewegen, “mein Herzchen!”
“Hallo!”, heißt es wieder und langsam begreife ich: Das ist nicht meine Frau, die da spricht, sondern ein kleines polnisches Mädchen. Ich stehe am Samstagmorgen vor der Brücke zu Polen und säusele einem kleinen polnischen Mädchen Gattinnenschwüre ins Ohr. Als ich das begreife, lege ich schnell auf, ducke mich und winke meine Gäste in den Autobus, damit wir von hier verschwinden können.

In Cottbus bin ich auf dem Flyer des Glad-House als “Comedy” angekündigt; auf der Rückseite brüllt der Ausbilder Schmidt. Aha, denke ich mir, sie wollen Comedy, dann kriegen sie Comedy… bevor es losgeht, schaue ich mir im Brau & Bistro auf Premiere den letzten Bundesligaspieltag an und sehe, wie die Cottbusser Bayer Leverkusen überraschend 3:0 besiegen, um somit an jenem Tag noch nicht aus der Liga abzusteigen. Mein Agent hatte mich gewarnt, mich in dieser Stadt zu bewegen, sollte die Energie über die Wupper in die 2. Liga abschmieren, aber wie ich nun selbst beobachten darf und auch vom Veranstalter bestätigt bekomme: Die Horrorbilder vom Cottbusser Stadionumfeld als Mischung aus Ultimate Fighting Championship und verspätetem NSDAP-Parteitag sind Vorurteile von uns Westlern, die wir nicht ertragen können, dass es ab 22 Uhr am Bahnhof von Essen oder Dortmund auch gar nichts mehr zu lachen gibt. Das Glad-House ist technisch und logistisch atemberaubend professionell und bequem für mich als Künstler; das Publikum ist spärlich, aber enorm begeisterungsfähig, vor allem, da ich die MURP!-Show tatsächlich immer wieder für mein spontan erfundenes Comedy-Programm “Australien” unterbreche, welches die Leute köstlich unterhält. Eine Sozialarbeiterin der Jugend-JVA ist so begeistert, dass sie mich einlädt, bald mal bei ihr zu spielen, um den Kids neue Hoffnung auf ein lebenswertes Leben zu geben, und ich sage freilich zu, weil solch eine Wirkung meiner Texte ungefähr 327 Mal mehr wert ist als jedes Lob dekadenter Großstadtredakteure, die am liebsten “Elektropunk” hören, ein Wort, das für mich übrigens so fürchterlich ist wie für die Australier der inflationäre Gebrauch des Begriffs “Krise” im deutschen Diskurs. Die haben auch Spaß an meiner “Comedy” und jubeln in den hinteren Reihen, auch wenn niemand außer mir sie sehen kann.

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