Tourtagebuch Reloaded – 03.06.2009 Mainz, Capitol Kino

Die Australier sind wieder zu Hause und ich bin mit Sylvia unterwegs, um Mainz zu besichtigen und dort in einem Programmkino aufzutreten. Begleitet sie mich auf Reisen, bin ich fokussierter. Außerdem sind wir häufig gleicher Meinung, das entspannt. So lästern wir auf einem Rasthof gemeinsam über das Essen, denn in Australien sind wir anspruchsvoll geworden. Oder besser gesagt: In Australien haben wir bemerkt, wie bescheuert man in Europa eigentlich ist. Die Australier machen noch in den Saloons der abgelegensten Outback-Dörfer ein gescheites, frisch zubereitetes Essen. Ohne Heckmeck, ohne Befehle, ohne Brüssel. Hier steckt in allem, was man sich nicht selbst aus den Bioladen-Zutaten reinschrotet, Analogkäse, Füllmaterial, mieses billiges Öl und eine ganze Kollektion künstlicher Aromen. “Analogkäse” ist übrigens Weizenstärke mit Farb- und Geschmacksstoffen, also Pseudo-Käse, der auf Pizzen, Baguettes und “Käsebrötchen” verarbeitet wird, Stern TV berichtete darüber und seither werden Bäckereifachgehilfinnen rot, wenn man sie danach fragt. Deutschland ist voll von Analog-Käse, im Grunde reicht dieser “Geschmack” bis ins Radio. In Australien liefen morgens “Better Man” von Pearl Jam und “Sometimes” von Midnight Oil, in Deutschland reduziert sich die Playliste zurzeit im Prinzip auf Lady Gaga, also auf Analogkäse. Aber was reg ich mich auf? Die Show im Kino ist wirklich eine Show, denn erstmals stehe ich fast die ganze Zeit und spiele wie ein Kabarettist. Zum einen, weil Sylvia mich zu Recht dazu anstachelt und zum anderen, weil das Publikum mich experimentierfreudig macht, da man mehr oder minder unter sich ist. Der Abend besteht fast zu 70% nur noch aus spontanem Gerede, es ist Stand-Up und es macht mir von Minute zu Minute mehr Spaß, da es funktioniert und die Leute sich wegschmeißen. Meine gestrenge Gattin notiert sich, was sich warum und wie alles noch an der Bühnenpräsenz verändern lässt und ich bin ihr dankbar dafür, denn obwohl ich jeden Abend liebe, habe ich doch eine gewisse Routine entwickelt, die in Mainz erstmals wieder richtig aufgebrochen wird. Das gleiche gilt für unser Verhalten am nächsten Morgen. Wo ich sonst einfach aufstehe und losfahre sehen wir uns in Ruhe den Mainzer Dom an und müssen feststellen, dass er vor allem dazu diente, dass sich die Bischöfe und “großen Männer” selbst abfeiern. Das empört Sylvia als gebürtige Kölnerin genauso wie mich, der ähnlich wie Nietzsche der Meinung ist, dass es nach Christus keinen echten Christen mehr gab. Außerdem poltert eine Schulklasse mitten in die Andachtskapelle, die zum Schweigen gedacht ist und hört sich die plappernden Ausführungen ihrer Lehrerin an, die privat wahrscheinlich non-fat-Latte trinkt und es schon für Ruhe hält, wenn sie sich Freitags Abends mal nur mit sechs statt mit sieben Freundinnen trifft. Hallelujah!

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