Tourtagebuch Reloaded – 26.01.2010 Hamm Bockum-Hövel, Albert Schweitzer Schule

An der Tür der Sozialbeauftragten Nicole, die mich zu zwei Lesungen vor insgesamt drei Klassen eingeladen hat, hängt ein Plakat gegen Mobbing. “Was ist das überhaupt für eine Schule” frage ich, weil es draußen nicht dransteht, weil es eiskalt ist und weil ich Ringe unter den Augen habe. “Eine Hauptschule”, sagt Nicole. “Und vor welchen Klassen trete ich gleich auf?”, frage ich. “Zwei achte und eine neunte.” Ich gebe zu, ich werde nervös. Hauptschule, achte Klasse, das ist in der Klischeeskala der Erwartungen sicher das schwierigste denkbare Publikum. Aber gut, sie haben mich eingeladen, sie haben es mit ihren Lehrerinnen und Lehrern verabredet und sie zahlen sogar freiwillig 2 Euro pro Person. Die meisten von ihnen sind Jungs, es gibt Schals von Borussia Dortmund und Schals von Schalke 04 und kommen in “Das Gegenteil von oben” Szenen, in denen Dennis an der Playstation oder der Xbox zockt, sich gegen dumme Anmache wehrt oder mit seiner Mutter über den verschollenen Vater streitet, habe ich sie. Dann hört das Publikum zu, dann sehen mich manche einzelne Jungs an, als wüssten sie genau, wie das ist oder besser: Als wüsste ich genau, wie das bei ihnen ist. Lese ich stattdessen im “Vorleseton”, also ohne Dialog, ohne Rotz und Improvisation, verliere ich sie schnell. Viel schneller als jedes andere Publikum. Dann wird es murmelig und laut im Raum und es ist ein Kampf um die Aufmerksamkeit, auch wenn die neunte Klasse sogar mitschreiben muss, da sie später im Unterricht zum Thema “Charakterisierung” meine Figur Dennis durchnehmen. “Welchen Charakter hat Dennis?”, fragt denn auch ein Mädchen, um es einfach zu haben. Ein anderes fragt, wie man eine gute Geschichte schreibt, da sie es selber schon versucht. Als ich wenig später meine Lieblingsautoren nennen soll und die keiner kennt, haut sie einem Mitschüler ein Heft auf den Schädel und sagt: “Du würdest doch nicht mal die Stephenie Meyer verstehen!” Ansonsten fällt mir auf, was mir immer auffällt, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die zum Teil zur sogenannten “Unterschicht” gehören: Sie denken praktisch. Und sie wollen was erreichen. “Was verdienen Sie so?”, fragen sie oder auch “Was für ein Auto fahren Sie?” Ich denke an einen Track des Rappers Azad, in dem er den sozialen Aufstieg predigt und davon schwärmt, wie geil es ist, sich eines Tages den dicken Wagen leisten zu können. Menschen des “gebildeten” Milieus verachten solchen “Materialismus”, rümpfen ihre gelehrte Nase und ziehen dann los, um in ihrem fabrikneuen Toyota Hybrid im Bioladen Streichpasteten für 4,99 Euro das Glas zu kaufen. Für den Toyota haben sie mehr gezahlt als meine Frau und ich für unseren ein paar Jahre jungen Mercedes. Der Toyota der Streichpasteten-Heuchler hat sein Gütesiegel vom Chef des Klimarates, der jetzt offiziell der Lügenpropaganda wegen der Gletscherschmelzen überführt wurde und in seiner Zweitfunktion Vorsitzender eines gut betuchten Institutes ist, das seine Millionen unter anderem von Toyota kriegt. Der Auftritt in der Hauptschule hat mir Spaß gemacht, auch wenn er sich phasenweise so mühsam anfühlte, als spielte ich Manndecker bei Eintracht Frankfurt. Auf die Frage eines BVB-Jungen, “wovon ich Fan sei”, antwortete ich wahrheitsgemäß “von den Underdogs. Freiburg, Mainz, Pauli.” In meinem Wagen mache ich jetzt allerdings 50 Cent an, höre mit großem Vergnügen “Get Rich Or Die Tryin’” zu und freue mich trotz gereizter Nase über all den frischen Schnee.

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