Tourtagebuch Reloaded – 02.02.2010 Marburg, Freie Waldorfschule (Lesung)

“Let me, let me, let me freeze again to death”, singt Sting mit Grabesstimme auf seiner Winterplatte, während ich auf der Sauerlandlinie durch einen Tunnel aus Weiß schleiche. Das ist keine Autobahn mehr, das ist ein Weg, ein zugeschneiter Pfad durch einen Wald aus hohen Tannen, die links und rechts ihre Zweige unter dem Schnee nach unten biegen, jeder Zweig so dick wie ein Arm, weiß umhüllt, voller Kraft und Trauer. “… to deaaaaaath”, haucht Sting, denn er singt in der Rolle des Winters selbst, es ist behaglich und finster und übrigens ein ganz großer Wurf, der mich seit Oktober begleitet. Seit diese Platte läuft, liegt das Land allerdings auch im Eis, womöglich hat es miteinander zu tun. Ich schleiche gerade nach Marburg, wo “eine Parallelwelt” herrscht, wie mein Gastgeber Herr Mylow nach meiner Lesung in der Aula der Waldorfschule richtig sagt, eine Welt ohne Ghetto, in der noch Mittelstand und Bildungsbürgertum existieren, nicht nur an der Waldorfschule. Die Schüler haben tausend Fragen nach 60 Minuten aus Das Gegenteil von oben, alleine die nach meinen Inspirationen und Lieblingsautoren fällt drei Mal. Während der Show runzelt ein Lehrer die ganze Zeit die Stirn. Die Jungs hatten alle Spaß, auch hier spielen die meisten Videospiele und ein anderer Lehrer als der Stirnrunzler kauft meinen Roman, um seinen Sohn aus der Online-Rollenspiel-Sucht zu holen, welcher er seit Oktober verfallen ist. Ich weiß, ich werde am Freitag wiederkommen, einen Workshop machen mit 20 statt mit 120 Schülern. Es ist gut, dass das heute nicht geht, sonst wäre ich im berühmten 22-Stunden-Stau gelandet, der wenig später nach meiner Heimkehr auf der A45 begann. Dennoch ist auch meine Rückfahrt noch weit gruseliger als der Hinweg. Die Autobahn ist vollständig verschwunden, es ist nichts mehr geräumt, links und rechts sind die Schneewände schon so hoch, als fahre man in einem Bobkanal. Es nebelt, es schneit, alle schleichen mit 40 km/h auf einer Autobahn und ich höre dabei Roger Willemsen zu, wie er auf seinem hörbaren Lexikon des Jazz von Storyville, Bebop und der verzehrenden Lebenslust der großen Bläser erzählt. Wie er das macht und was er sagt, das macht Lust auf mehr, aufs Hinhören, und es lässt sich übertragen auf die Literatur. Ein “Jazz Vocalist”, so lerne ich, zeichnet sich nicht dadurch aus, WAS er singt, sondern WIE er das macht. Variiert er jeden Abend, macht er jede Aufführung zu etwas Neuem, dann ist er einer. Genau das versuche ich 2010 mit meinen Lesungen, ich will nicht mehr “lesen”, gar nicht mehr, auch abseits der Dialoge nicht. Selbst die Erzählstimme soll keinen Vorleseton mehr haben. Ich will spielen, improvisieren, als säße Dennis dort und erzähle selber. Oder eben “Ich”. Ich habe Ansprüche an mich. Ich bin nicht satt. Nur vom Schnee. Doch ich komme durch…

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