Tourtagebuch Reloaded – 04.02.2010 Dortmund, Sissikingkong

Es ist ja so: Ich selber “murpe” viel zu wenig. Wir haben diesen Begriff erfunden als Hartmuts Manifest der Freiheit, das Verbringen zweck- und sinnfreier Zeit, das Austreten aus allen Mühlen. Wie schwer mir das selber fällt… Daher übe ich, auch heute. Bin beim Schwimmen mit meiner Frau, wir tun uns Gutes, üblicherweise würde ich es ausfallen lassen bei einer Lesung um 20 Uhr, aber warum? Ich bin im Wasser bis 19 Uhr, ich habe mir einen Zweitwagen geliehen, ich bleibe sogar ruhig, als ich in Dortmund um 19:57 Uhr einen Block zu früh parke und den Club nicht finde, zu Fuß in der Nordstadt, im Dunkeln. Egal. Ich komme erst um 20:02 Uhr an, Veranstalter Wolfgang Kienast ist ganz ruhig, Filmemacher Jens Mayer auch, die Gäste trinken und plaudern, niemand hetzt mich. Es geht. Es geht auch so. Veranstalter Wolfgang ist einer der besten “Murper” des Landes. Aufmerksame Leser dieses Tourtagebuches erinnern sich: Er ist der Mann, der sich ohne Profit- und PR-Vorteile historisch mit Anton Ulrich beschäftigt. Er ist der Mann, der hier im Dortmunder Keller die Abende am elektronischen Kamin veranstaltet. Seine Plattenkritiken für VISIONS lieferte er bis vor kurzem noch auf Disketten in der Redaktion ab. Jetzt gibt es dort keinen Rechner mehr mit 3,5-Zoll-Laufwerk, also geht Wolfgang “zu den Albanern”. Die Albaner haben in ihren Internetcafés noch Laufwerke für Disketten. Noch… wer weiß, wie lange? Also sorgt Wolfgang vor: Er erkundigte sich kürzlich bei einem Experten, ob irgendein Freak mal eine Schnittstelle erfunden hat, mit der man Windows 95 nachträglich beibringen kann, USB-Sticks zu lesen. Das hat leider niemand. Oder vielleicht doch? Es ist Wolfgang zuzutrauen, dass er jemanden findet, der das nachträglich macht. Wolfgang erzählt mir von einem Mann, der in der Zeit vor VHS einen Plattenspieler erfand, mit dem sich Schwarzweißfilm auf Vinyl pressen und abspielen lässt. Wolfgang hat vor kurzem in seinem Hauptberuf als DJ einen Tanztee in einem Altenheim veranstaltet, mit Wirtschaftswunderschlagern. Zum Erstaunen aller Pflegerinnen, die ihre Bewohner nur als apathische Wesen kennen, tanzten und sangen die alten Herrschaften sieben Stunden (!) und waren wie ausgewechselt, weil sie endlich in ihre vertraute, alte Welt zurückversetzt wurden. Wie meine Romanfigur Jochen in Feindesland, dem neuen Hui-Roman, der am 12.05. erscheint und aus dem ich heute das erste Mal was lese, weil Jens es für kommende Werbevideos filmt. Jochen gründet darin eine WG, die 15 Jahre in der Vergangenheit lebt, absichtlich. Nichts darin ist neuer, kein Gerät, keine Platte, kein Spiel. Wolfgang hat auch ein Buch geschrieben, Tiergeschichten, fabelhaft und satirisch. Es erscheint bei Schreiblust, einem kleinen Verlag aus Dortmund. Wolfang macht, was er will, ohne Hektik. Er ist der beste Murper des Landes. Aus Das Gegenteil von oben habe ich heute natürlich auch gelesen, die meiste Zeit sogar. Aber irgendwie war für mich wieder Wolfgang der Star des Abends…

This entry was posted in Tourtagebuch 2010 and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.