Tourtagebuch Reloaded – 05.02.2010 Marburg, Freie Waldorfschule (Workshop)

Ich spüre eine gewisse Skepsis. Da stehe ich, der Erfolgsautor, und lehre praktische Plotprinzipien statt hehrer literarischer Theorien. Das kennen diese Kinder der Gebildeten so nicht. Ich kann ihnen die Skepsis allerdings auch nicht verübeln, wenn man sich anschaut, was heute dabei herum kommt, als wir alle gemeinsam zum Einüben der grundsätzlichsten Konfliktstrukturen das Handlungsgerüst eines Romanes erfinden. Unser Protagonist ist ein hochtalentierter Chemiker, der nach der Ermordung seiner Eltern im Golfkrieg als Kind in die USA einwanderte, dort nun für einen Pharmakonzern arbeitet und in Wirklichkeit Rachepläne schmiedet. Er erfindet eine neue Wunderpille zum Abnehmen, deren “Defekt” dazu führt, dass das Abnehmen nicht mehr endet und die Kundinnen sich auflösen. So könnte seine Rache perfekt sein und er das gesamte amerikanische Volk auslöschen. Als er selbst allerdings eine Frau lieben lernt, die dieses Mittel auch nehmen will, muss er sich entscheiden, entwickelt ein Gegenmittel und inszeniert die ganze Sache pünktlich zum massenhaften Auftreten der Symptome so, als liege die Schuld beim bösen Konzern und er habe als Forscher in diesem gnadenlosen Unternehmen sogar noch rechtzeitig für die Lösung des Problems gesorgt. Er kommt damit durch (!) und wird wider Willen Retter des Volkes, das er zerstören wollte und Zerstörer der Firma, die seine Waffe gewesen wäre. “Das ist ganz schön trashig”, bemerkt einer der Schüler, der selbst am eifrigsten mit an dem hanebüchenen Plot herumerfunden hat und lacht. Als ich im zweiten Teil Stil- und Reduktionsfragen durchnehme sowie ein paar psychologische Theorien skizziere, die ich für die Interaktion zwischen Figuren verwende, habe ich sie allerdings alle überzeugt, Trash-Plot hin oder her. Schwerer wird das schon bei dem Lehrer, der vor wenigen Tagen bei meiner Lesung so skeptisch im Publikum guckte und mich nach dem Workshop in der Kantine beim Bio-Menü in eine Diskussion verwickelt. Ihm gefällt nicht, dass ich bei Lesungen auf den schnellen Effekt setze und nur ein Lasso der Identifikation auswerfe, um die Jugendlichen zu fangen, ohne dass klar wird, was sie letztendlich aus alldem “mitnehmen” können. Ferner sei er entsetzt über meine Antworten auf die Fragen nach Einflüssen und stilistischen Handwerksprinzipien. Außer Kafka kenne er keinen meiner Lieblingsautoren und diese ganze Reduktionsgeschichte, das könne es doch nicht sein, was sei denn mit Lenz und Grass und Walser, ob denn nun die ganzen alten Meister von mir für ungültig erklärt würden. Ich könnte es mir einfach machen und ihm sagen, dass eine Lesung kein Unterricht ist und es besser ist, neue Leser mit dem Effekt-Lasso zu fangen, damit sie im Stall des ganzen Romans dann tatsächlich in Ruhe in der Tiefe wühlen, weil sie mir wohlgesonnen sind. Ich könnte sagen, warum auch die alten Meister kein Wort zu viel geschrieben haben und dass er keine Angst um sie haben muss. Statt dessen mache ich es mir schwer und diskutiere unter Schützenhilfe seines Kollegen Mylow, der mich engagiert hat, alles bis ins Kleinste aus. Man hätte eine WDR5-Sendung daraus machen können. “Ach so, dann verstehe ich das alles”, meint der gute Mann, “es ist nur schade, dass es bei einer Lesung nicht so rüberkommt.” Auf dem Rückweg aus Marburg heraus lenkt mich der Navigator über irgendein Bauerndorf und lässt mich falsch abbiegen. Die Straßen sind im Prinzip alle geräumt, nur hier, bei den alten Höfen, da liegt noch der Schnee. Es kann nicht sein, dass die Bundesstraße schräg hinter der Scheune abbiegt, denke ich mir noch, fahre aber trotzdem den Hügel hinauf. Sackgasse. Nur Feld und Wald, verborgen unter dem ungeräumten Schnee von Tagen. Und: Gefälle. Beim Drehen bleibe ich auf der schrägen Einfahrt eines Hofes stecken. Der Motor röhrt, die Reifen drehen durch. Da erscheint ein Gesicht am Beifahrerfenster, faltig, eckig, wie der Rentner aus dem neuen Pixar-Film “Oben”. Es ist ein Bauer. Er fuchtelt mit einer Mistgabel und schimpft. Ich lasse das Fenster runter. “Verschwinden Sie von meinem Gelände! Sie machen mir mit dem Geröhre die Schweine verrückt!” Ich sage über den Motor: “Ich bin doch nicht absichtlich hier! Ich habe mich verfahren. Ich fahre sonst sehr gut Auto!” Der Bauer hebt und senkt die Gabel und motzt: “Es ist nur schade, dass es gerade nicht so rüberkommt!” Ich könnte es mir manchmal auch einfacher machen…

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