Tourtagebuch Reloaded – 06.02.2010 Geldern, Seven

Was ist bloß mit dem Navigator los? Eben habe ich nach einem Besuch bei meinen Eltern in Wesel die neue Rheinbrücke hinter mir gelassen und bin nur einmal falsch abgebogen und jetzt schleiche ich schneeknirschend im Dunkeln an halbrunden Gewächshäusern aus Blech vorbei. Mein Scheinwerferlicht schneidet die Kuppeln wie finstere Gemälde aus dem Schwarz des Abends heraus, das ansonsten undurchdringlich bleibt. Dabei haben wir erst halb sieben. Ich will nur auf die Hauptstraße zurück, das ist alles. Noch einmal über den schmalen asphaltierten Weg, der durch das Feld führt, dann kann ich wieder draufbiegen. Nichts da. Am Ende des Weges eine meterlange Schlucht zwischen mir und der Hauptstraße, breiter als Wellenbrecher bei Konzerten. Hier kann man nicht mehr weiter. Ich muss drehen, ohne Wendekreis, auf verschneiten Feldern. Jetzt schneiden meine Schweinwerfer ein paar Hasen aus der Finsternis. Eins, zwei, drei… lachend sitzen sie in der groben Furche des Feldes und machen sich über mich lustig. Einer tippt dem anderen auf die Schulter, die Augen zusammengekniffen vor Amüsement. Ha ha, sehr witzig.

In Geldern angekommen, esse ich vor dem Gig eine sehr gute Pizza gegenüber des Clubs, wo die italienischen Hausherren brüllend laut “Happy Birthday” in der Popfassung einspielen, weil irgendwer Geburtstag hat und wo es so scheint, als säße man in deren Wohnzimmer. Danach gehe ich spazieren im Viertel, bis kurz vor meiner Show, und denke mir wie Dennis aus Das Gegenteil von oben Geschichten zu den Hinterhöfen und fahl erleuchteten Fenstern aus, die ich passiere. Diese äußere Ruhe ist gut, auch wenn meine Phantasie laut ist… dass der Gebrauchtwagenhandel hinter dem Club – in dessen weitläufiger Glashalle gerade mal zwei Wagen und ein Schreibtisch mit Lederjacke über dem verlassenen Stuhl stehen – wirklich ein Gebrauchtwagenhandel ist, glaube ich zum Beispiel nicht. Die Show ist enthusiastisch, szenisch, gut gespielt, ich muss mich loben, obwohl ich weiter Hunger habe und mir noch lange nicht in der Performance genüge. Das Feedback der Leute ist überwältigend, es sind viele Hui-Fans darunter, die sich über die ersten Appetithappen aus Feindesland freuen. Buchhändler, Club-Betreiber, die bei ihrer allerersten Lesung überhaupt hier die Bude gut gefüllt haben: Sie waren mir mehr als wohlgesonnen. Auf dem Rückweg weiß ich genau, wo ich lang muss, fahre aber noch einmal absichtlich in die Gewächshausdunkelheit hinein, halte an, stelle den Motor ab, steige aus und stelle mich vor das Feld. Es ist niemand da. Ich rufe: “Na, ihr langohrigen Großmäuler? Wo seid ihr denn jetzt? Hä? Jetzt habt ihr Schiss, was? Jetzt versteckt ihr euch in euren Bauten! Nicht mit mir, Jungs, ich bin der Mann, mir jubelt man zu, hört ihr das?” Nach einer Weile spüre ich, dass ein alter, behaglicher Mann mit einem Dackel neben mir steht. Er traut sich nicht, sich zu entfernen, sagt aber auch nichts. Ich räuspere mich, patsche mit meinen Händen an meine Hosennaht, räuspere mich noch mal, lächele verlegen, schaue zur Hauptstraße, als hätte ich mich verfahren, steige ein, drehe sehr langsam und rolle knirschend davon.

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